Evangelische Kirche
im oberen Wiesental

Hier finden Sie Gedenken in der Zeit des »shut Downs«

Dieses »Tagebuch« wird nun nur noch gelegentlich fortgesetzt .

NeuFreitag, 03.07.2020

Mehr Sand! 

Ja, sicher, es ist noch nicht vorbei. Jetzt, wo man so langsam nicht mehr weiss, ob man über die »Kopfgeburten« der Verschwörungstheoretiker lachen oder entsetzt sein soll, wo sich die die aggressive Ablehnung staatlicher Verordnungen nicht nur in öffentlichem »Ungehorsam« sondern auch in Gewalt äussert, schaut anscheinend niemand dieser Besserwisser und Tieferblicker in die USA, wo es neue Rekordzahlen an Infektionen gibt. Alle wissen, was wirklich los ist. Nur der Präsident will es nicht wissen. Dort ist man uns halt wieder voraus. Bei uns zeigen nur die oben genannten Gruppen so ein Verhalten, ja, auch die »blauen« Politiker, aber dort schafft man es so ins höchste Staatsamt und könnte sogar dort bleiben. Da steht uns noch was bevor, wenn wir auch das noch übernehmen sollten. 

Fast meint man, es sei schon an der Zeit, auf die Pandemie zurückzublicken. Es wäre verfrüht, aber eines kann man jetzt schon sagen: Noch nie habe ich eine Begründung häufiger gehört für alles und jedes… Auch jetzt noch haben Ämter mit sehr bescheidenem Publikumsverkehr - seien wir mal vorsichtig - sehr eingeschränkte Öffnungszeiten. Wegen C… Dazu haben Firmen jetzt endlich einen unanfechtbaren Grund für Entlassungen, sie wissen schon, wegen C… Bosch, ZF und andere mehr. Das Handwerk stehe unter Druck, habe ich diese Woche wieder gelesen. Nur dass der Satz so nicht ganz richtig ist. Neben denen mit heftigen Problemen stehen andere Betriebe unter dem Druck, dass sie zuviele Aufträge haben. Aber was soll’s, sie wissen schon, wegen C… 

Wir in der Kirche aber versuchen es richtig zu machen. Wir halten keine Reden wie mancher Pastor andernorts, dass Gott es natürlich nie zulassen würde, dass sich jemand im Gottesdienst anstecke. Die Einschnitte sind - wenigstens für mich - schmerzhaft, auch wenn man von mancherorts geschossenen kirchlichen Eigentoren absieht, weil man den Gottesdienst als »nicht relevant« abtat. Eine Person im Pfarrdienst (würden die SprachgerechtlerInnen sagen) sprach sogar vom Abendmahlsfasten, für das sie sich entschieden habe. Was diese Person wohl sagen würde, wenn jemand ein wenig weiter denkt und meint: »Hervorragende Begründung, und ich mache weiter mit Bibelfasten und Gottesdienstfasten und werde irgendwann sogar Kirchenfasten und austreten?« 

Schnell fliehe ich zum guten, alten Petrus, der nicht nur bisweilen ein Grossmaul war, sondern auch sehr kluge Sachen sagte: »Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann (und Frau!) der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmut und Ehrfurcht (1. Petrusbrief 3,15). Wenigstens das können wir ohne Auflagen tun. - Ach, Sie warten noch, was die dumme Überschrift soll? Den Sand schicken wir an verschiedene Stellen, damit man dort wenigstens genug davon hat, um den Kopf in selbigen hineinstecken zu können. Den Sand lassen wir natürlich testen, ob er keimfrei ist.


Sonntag, 14.06.2020

Ist das Kunst…?

… oder kann das weg?

So lautet eine spöttische Bemerkung von Menschen, die zu moderner Kunst keine rechten Zugang finden. Berühmt geworden sind in diesem Sinne die »Fettecke« von Josef Beuys, die ein Hausmeister entfernte und auch seine Badewanne, die nicht als Kunstobjekt erkannt wurde: »Wir dachten, das alte Ding könnten wir schön sauber machen und benutzen, um darin unsere Gläser zu spülen, so wie die aussah, konnten wir sie nicht gebrauchen. Deshalb haben wir die Wanne geschrubbt.« 

Und schon waren zwei moderne Kunstwerke verschwunden bzw. zerstört. Es gab Prozesse und Schadensersatz. Die Kunstwerke aber waren weg bzw. die Reste der Fettecke wurden in einer sog. »Performance« umgewandelt. 

Da wir in diesen Zeiten vor allem das »Systemrelevante« bewahren, auf das andere aber verzichten wollen oder müssen, könnte man diese Frage auch noch weiterspinnen: 

»Ist das systemrelevant - oder kann das weg?« Da könnte man eine schöne Tabelle aufstellen: 

                                                         systemrelevant         kann weg


Autos                                                                

Südseeurlaub                                                                     

Diskothekenbesuch                                             

Vereinsfest                                                         

Mitgliederversammlung                                        

Kindergarten                                                       

Gottesdienst                                                        

Fussballspiel                                                        

Autorennen                                                         

die Kirche überhaupt                                            

Theaterbesuch                                                     

Kino                                                                    

Wo würden Sie Ihre Kreuzchen setzen? 

Manchmal ist es auch schwierig, wer das festsetzt, was »systemrelevant« ist. Gottesdienste sind das nicht gewesen (eine evang. Landeskirche hat sich nicht entblödet, das sogar so zu sagen), offen Baumärkte aber schon. Bei solchen Überlegungen wird schnell deutlich, was bei uns welchen Stellenwert hat. Immerhin haben wir die Möglichkeit, unsere Meinung dazu zu sagen. Nein, nicht durch die Verschwörungstheoretiker organisierte Demonstrationen, sondern im dem wir - im Rahmen des Erlaubten - bestimmte Dinge wieder nutzen. Was keiner zu brauchen scheint, kommt sonst wirklich irgendwann weg…


Samstag, 06.06.2020

Schaut nur (herab)

Ein wenig Überheblichkeit tut doch ganz gut? Da geht es einem gleich besser? Weil man jemand hat, auf den man herabschauen kann? 

Also schauen wir herab auf den Politiker, der sein Volk nicht einen will, sondern spalten, damit er die nächste Wahl gewinnt. Der kaum ein Wort des Bedauerns findet für einen Menschen, der durch rassistische Polizeigewalt ums Leben kam. Und wenn wir schon dabei sind, schauen wir gleich noch herunter auf die Menschen, die so jemand gewählt haben und vielleicht sogar wiederwählen. Wie kann man nur?

Szenenwechsel: 

In der Wiesentalbahn, zwei ältere Damen: 

»Es ist unglaublich, was die in den Läden für ein Theater machen. Neulich wollte ich nur schnell in den … und hatte keinen Einkaufswagen ich kann dir sagen…« »Ja, du hast recht, das ist inzwischen wie in einer Diktatur (sic!). Die machen sich keine Gedanken, was das mit den Menschen macht, auch mit den jungen Leuten. Diese ganze Isolierung schafft so viele seelische Krankheiten, gerade auch bei den Jungen. In Emmendingen (gemeint ist das Landeskrankenhaus für Psychiatrie) kommen sie mit dem Bauen gar nicht mehr hinterher!« 

Ebenfalls in der Bahn, ein paar Stunden später. Zwei junge Damen, so im besten jugendlichen Alter von vielleicht 13 Jahren, kommen in den Zug, beide mit Schutzmasken, die eine stöhnt: »O, ich kriege überhaupt keine Luft unter dieser blöden Maske.« Darauf die andere ganz pragmatisch: »Dann stirb halt«. Immerhin kein Wort davon, dass wir inzwischen eine Diktatur wären. 

Ich muss an eine Satz aus der Bergpredigt denken: 

»Ich sage euch aber, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem nichtsnutzigen Wort, das sie reden (Matthäus 12,36).« Ob wir für das »nichtsnutzige« Schweigen auf Rechenschaft abgeben werden müssen?


Montag, 01.06.2020

Und staunt.. 

Aus Leserbriefen zu einem Artikel, wie die Kirchen mit den Coronaregeln umgehen: 


In den Kirchen dürfen sich die Menschen wieder tummeln.

***

Entweder Freiheit für alle oder für keinen.

***

Sie werden das Dilemma aus (absoluter) Sicherheit bei gleichzeitiger (absoluter) Freiheit niemals auflösen und es wird immer Menschen geben, die sich genau so lange für unbesiegbar halten, bis es sie erwischt.

***

Die Wirtschaft und das dafür notwendige öffentliche Leben haben wieder Priorität. Allerdings, auf Kirchgänge könnte man noch am ehesten verzichten.

***

"Für wieder andere ist der Besuch eines Gottesdienstes wichtiger als vieles andere im Leben. Das zu werten steht uns nicht zu…

***

Für wieder andere ist der Besuch eines Bundesliga Fußballspiels wichtiger als vieles andere im Leben. Das zu werten steht uns auch nicht zu?

***

Schon die Herrscher der Antike wussten: Religion ist das Instrument der Wahl, um die einfache Bevölkerung zu beherrschen. Sumerer, Ägypter, Griechen, Israeliten, Römer - sie alle haben sich eine komplexe Staatsreligion gezimmert, die das Zusammenleben der Menschen regulierte…

Am Ende ging es, und geht es noch heute, aber nur um eines: weltliche Macht. Die aber bröselt seit spätestens der Aufklärung den Kirchenfürsten durch die Finger.

***

Anbetung bestimmter Ideologien ist nicht nur den großen Religionen bekannt.

***

Aber besonders alleine in der Natur blitzt dann doch manchmal ein starkes Gefühl auf, das ich nicht beschreiben kann.

* * * * *

Eine Momentaufnahme des real existierenden Bundesbürgers (so weit erkennbar, waren unter den Zitierten keine Schreiberinnen), wie er sich in Leserbriefen manifestiert. Ich bin dankbar, dass das Leben anderer nicht für verzichtbar erklärt wird. So viel Gemeinsamkeit dann doch noch.

Immerhin weiss ich jetzt, was ein »Stadiongang« und ein »Kirchgang« mit einander zu tun haben könnten. Ich weiss jetzt, dass ich teil eines Systems bin, das ausschliesslich dem Machterhalt dient. Ich weiss, dass es ungefährlicher (und unverzichtbarer?) ist, einen Baumarkt zu besuchen, auch wenn dort - seitlich - kaum Abstände eingehalten werden. Ich weiss jetzt, dass es ?-Erfahrungen in der Natur gibt. Schon länger weiss ich, sehe es aber hier bestätigt, dass Kirche vielen als verzichtbar gilt. Weggelassen habe ich ein Zitatschnipsel, in dem dem »Gesichtsbuch« unterstellt wird, es seie eine zuverlässige Informationsquelle. Ich weiss, dass in dieser Einrichtung vieles sehr zuverlässig transportiert wird, doch dass jetzt die Wahrheit auch dazugehört? Nun, man lernt nie aus. 

Wie war das noch mal? Die Kirchgänger werden als ...* zu den ...** gesandt.

*= ein als nur mässig intelligent verschrieenes Herdentier 

 **= Ein in Baden-Württemberg wieder einwanderndes Tier, gegen das sich auch in den Regionen Bürgerinitiativen gründen, wo es noch nie gesichtet wurde. 



Mittwoch, den 27.05.2020

Nicht der Furcht

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut

In der wir untergegangen sind

Gedenkt…

schrieb einst Bertold Brecht in seinem Gedicht »An die Nachgeborenen«. Was das mit uns zu tun hat? Nein, die Umstände und Zeitläufe sicher nicht, denn es wäre so dumm wie vermessen, die Schrecken des dritten Reiches mit diesen Wochen und Monaten zu vergleichen. Der einzige Schnittpunkt ist das »Auftauchen«, der Weg, auf dem wir gerade sind. Im Unterschied zu damals geht es uns immer noch so gut, dass wir uns dabei allerlei Unfug wie Verschwörungstheorien leisen wollen und können. Die freilich erinnern wieder an eine besonders perfide Verschwörungstheorie, die in unglaublicher Weise benutzt wurde, den Verbrechen von damals so etwas wie den Anschein einer Legitimation zu geben. 

So ist es nicht nur gut, sondern überlebenswichtig, wachsam zu bleiben, damit nicht irgend wann viele den modernen Rattenfängern nachlaufen werden, und sei es aus »Besorgnis« oder dem dumpfen Gefühl heraus, irgend ein »Zeichen« setzen zu wollen. Dann wären wir nicht mehr weit von der Person, die im Falle des Scheiterns alle mit in den Abgrund reissen wollte - und das auch tat - und die sich ständig von einer »Vorsehung« berufen fühlte. 

Ein österreichischer Schriftsteller meinte, auch die »Not« sei keine moralische Besserungsanstalt. Wahrscheinlich hat er recht. Und wir? Nun, am besten tun wir das, was immer wieder geraten wird, also bei unseren Leisten zu bleiben. Wir rufen uns darum  diesen Gedanken eines Paulusschülers in Erinnerung: 

Gott hat uns nicht gegeben

den Geist der Furcht, 

sondern der

Kraft

und der

Liebe

und der

Besonnenheit. 


Also nachzulesen im 2. Brief an Timotheus, 1, 7




Freitag, den 22.05.2020

Mein Licht und mein Heil 

Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten?

Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir.
 

Städte und öffentliche Plätze füllen sich wieder, das schöne Wetter tut das Seine dazu, endlich wieder Kinderstimmen auf den Spielplätzen. Freilich auch »endlich« wieder leere Flaschen, leere Pizzaschachteln und eine nur halb aufgegessene Pizza auf der öffentlichen Sitzgelegenheit im Park, die Welt scheint wieder »normal« zu werden, die Überflussgesellschaft beginnt wieder Spuren zu hinterlassen, das scheint »die Krise« nicht geändert zu haben. Jeder nimmt noch gerne mit, was geht, ein börsennotierter Fussballverein überlegt, ob und wie er an Staatshilfen kommen könnte, denn genau für solche Zielgruppen scheinen die Staatshilfen auch bestimmt zu sein. Ebenso soll es Hilfen geben für Autos, die sogar 140g CO2 pro Kilometer ausstossen dürfen. Weil in diesem Fall noch immer die staatlich genehmigte Schönrechnerei gilt, sind das die Autos, die mindestens 180 PS haben und »ohne alles« knapp € 50.000,- kosten. Wie war das vor Jahren noch mit den politischen Slogans: »Weiter so, Deutschland!«? 

Das sind nun eher harmlose Beispiele für das, was sich vermutlich nicht geändert hat. Und nun? Natürlich kann ich schimpfen, auf die Politiker, die dem Druck der Lobbyisten erliegen. Oder dem Druck aus ihrem Wahlkreis usw. Und wenn es etwas laut zu sagen gibt, zu dem, was da schon wieder oder immer noch falsch läuft, dann sollte das jeder tun, der sich das zutraut - und der ein Minimum von Sachverstand hat. 

Für mich selber versuche ich mich dafür an Worten des »Wochenpsalms« (Psalm 27) festzuhalten. Denn ich will nicht zu denen gehören, die bei den längst braun unterwanderten Protesten gegen die Corona-Massnahmen mitlaufen. Wer noch Fragen hat, bedenke, dass Lutz Bachmann anscheinend einen Aufnahmeantrag an die ihm nahestehende Partei gestellt hat. 

Nein, die Bibel ist kein Buch mit Patentrezepten für alle Lebenslagen. Sie erwartet von uns Vernunft und sogar den Gebrauch derselben. Aber wenn wir das versuchen, finden wir Worte, die uns vor dem Schlimmsten bewahren und die uns helfen, eine klare Position zu beziehen, für das, was nun dran sein könnte.


Dienstag, den 19.05.2020

Ausstellung von Grafiken Bruno Schleys

Bitte schauen Sie auch auf dem Menüpunkt »Kunst und Kirche!« nach, dort erfahren Sie etwas zum Freiburger Grafiker Bruno Schley und seinen Christus-Grafiken. 


Donnerstag, 14.05.2020

Rundum sorglos 

Um die Impfpflicht soll es als gehen in der Politik. Wenn es denn einen Impfstoff schön gäbe, aber wer weiss, vielleicht gelingt es ja bald. Für das Unternehmen wäre es schön, wie eine Lizenz zum Gelddrucken vermutlich. Für die, die Verantwortung tragen, wäre es wohl auch schön, denn dann könnte man endlich wieder richtig etwas tun. Das ist im Augenblick nicht möglich, denn das Einzige, was gerade getan werden kann, scheinen die »Lockerungen« zu sein, mit denen manche Politiker einen Überbietungswettbewerb zu betreiben scheinen. Da käme ein Impfstoff gerade recht. 

Wenn es nur nicht so wird, wie bei der Grippeimpfung: Da haben die Kassen lange nur drei von vier Stämmen bezahlt, Pech, wenn man dabei die falschen erwischt hatte. Leider halten sich Grippeviren nicht immer an die Regeln, sondern verändern sich einfach. Das steht unserem Bedürfnis, alles handhabbar zu machen, entgegen. Denn das hätten wir heute nur zu gerne: Dass alles machbar ist, wenn man sich nur genug Mühe gibt. 

Leider - oder soll ich sagen: »Zum Glück!«? Mir ist unser Machbarkeitswahn nicht geheuer. Möglichst viel wird zertifiziert und dokumentiert. Aber damit ist nicht alles in den Griff zu kriegen. Was aber auf diesem Weg sicher gelingt ist, jemanden zu finden, der dabei einen Fehler gemacht hat. Und das braucht unsere Gesellschaft dringend: Einen Schuldigen. Was das wohl über uns aussagt? 

Jesus hat einmal gesagt: »Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren« (Mt.17,25). Dabei dachte er ganz bestimmt nicht an »Corona«. Aber mir scheint, dass auf unserer Versessenheit, alles in den Griff zu kriegen, kein Segen liegt. Leben ist ein Geschenk. Wir machen es nicht selber, auch wenn wir Befruchtungen im Reagenzglas hinbekommen. 

Ein Geschenk kann man annehmen, sogar dankbar. Und etwas daraus machen. Das Störende daran scheint aber der Gedanke zu sein: »Ich war das nicht.« Ich verdanke mich jemand anderem. 


Sonntag, 10.05.2020

Sonntag Kantate (Singt dem Herrn)

Kantate 2020_1.pdf (466.07KB)
Kantate 2020_1.pdf (466.07KB)

Samstag, 09.05.2020

Koronakirche... Bin mal gespannt, wie die bayrischen Biergärten und -keller dann aussehen werden. 

Das ist dann der »krönende« Abschluss diese Tagebuches. In Zukunft geht es wöchentlich weiter. Die Predigt wird später noch hier eingestellt. 




Freitag, den 08.05.2020

Nicht nichts, aber nicht viel mehr

Kein Wort heute über - na, Sie wissen schon - nicht mal verklausuliert, z.B. wie in den Harry Potter Romanen, wo es dann immer heisst: »Er, dessen Name nicht genannt werden darf…« Heute geht es um ein anderes Thema, um unser Wochenlied für die nächste Woche: »Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön…«, Paul Gerhardt hat’s geschrieben (Evang. Gesangbuch 302). 

Ich weiss, dass dieses Lied bei den politische Korrekten und den Gerecht-Sprachlern schlechte Karten hat. Das lieg ganz besonders an der letzten Strofe: Ach ich bin viel zu wenig, zu rühmen deinen Ruhm, der Herr allein ist König, ich eine welke Blum… Das geht gar nicht, dass der Mensch hier so klein gemacht wird und so setzt man dem ein trotziges »Ach, ich bin nicht zu wenig, zu rühmen deinen Ruhm…« entgegen. 

Nach diesen Urteil der Sprachgerechten und -korrekten müsste wohl auch viel Lyrik verschwinden, aus den Büchern, aus den Köpfen. Erich Fried schreibt z.B. so: 

Vielleicht nicht nichts
ohne dich
aber nicht mehr viel… 

Dieses Gedicht würde ich aber so gerne behalten wie Paul Gerhardts Lied. Denn wenn ich mal wieder wenig oder gar nichts habe, dann tun diese Worte gut, weil ich dann ein Du habe, an dem ich mich aufrichten kann, weil ich diese Worte auch singen kann und in denen Gott mit einfachen, aber klaren Worten gelobt wird. 

Es geht, sich diesem Gott anzuvertrauen, der für uns sorgt, der treu ist und mich nicht im Stich lässt, der sich auch und vor allem um Benachteiligte einsetzt, den die brauchen ihn ja viel mehr, als ich. - Nebenbei: Wenn er das tut, könnte ich doch auch mal wieder… 

Und noch was Unkorrektes: die aber, die ihn hassen, bezahlet er mit Grimm…« Geht wohl auch nicht, aber ich denke mir: Er muss es ja nicht tun, jedenfalls nicht so, wie wir Menschen uns so etwas vorstellen. Mir reicht es, wenn ich meinen Zorn bei ihm abladen kann, er hält es aus, puffert ihn ab, damit andere möglichst wenig davon abkriegen und ich kann dann wieder herunterkommen - um ihn zu loben, statt zu toben: … und die da sind gefangen, die reisst er aus der Qual… sogar die, die in sich selbst gefangen sind. 

Und darum: Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd; ich will ihn herzlich loben, so lang ich leben werd. Wenn das mal keine Lebensaufgabe ist, und eine erfüllende dazu.


Donnerstag, 07.05.2020

Man kann sich schliesslich nicht um alles kümmern, …

… aber manche Witze muss man einfach selber machen. Kennen Sie noch den alten Sponti-Spruch: »Stell dir vor, s’ ist Krieg und keiner geht hin!«? In diese Tradition reihen wir uns ein: »Stell dir vor, s’ ist Sonntag Kantate (= Singt dem Herrn!) und alles schweigt! 

Gut, normal würden Sie zurecht sagen, ich solle diese Flachwitze bleiben lassen, aber der ist ernst. Genau so wird es sein. Dabei haben wir so einen treffenden Predigttext. 

Die Lage ist die: Gleich soll der neue (und erste) Tempel in Israel eingeweiht werden. Alle »Geistlichen« (damals: Priester) haben sich vorbereitet und sind in Stellung gegangen und dann kommt’s: 

(Die Sänger)… standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen 120 Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn (2. Chronik 5,12f). 

Na ja, ein Bisschen davon werden wir wenigstens hinkriegen, denn wenn’s gut geht, singt tatsächlich eine, unserer Kirchenmusikerin! Ansonsten gilt für uns Tersteegen!: Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige (Evang. Gesangbuch 165,1). 

Wie könnten wir uns daraus retten? Gemach, die Bibel ist ein Buch, dem nichts menschliches fremd ist. Also spricht Paulus: 

Desgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen (Römerbrief 8,26). 

Puh, da sind wir gerade noch einmal davon gekommen. Es geht also auch mit schweigendem Denken. 

Wenn ihnen das zu still ist, dann hätte ich noch diesen Tipp: Ab dem 18. Mai dürfen zunächst nur Bierkeller, Biergärten und die Außenbereiche von Lokalen geöffnet werden. Dort sei die Ansteckungsgefahr laut Söder am geringsten. Glauben Sie ja nicht, dass die dort in ihre Mass schweigen werden.

Hab ich’s doch geahnt, dass die Biergärten und Bierkeller unserer krachledernen Nachbarn schon aus sich heraus desinfizierend wirken. Wir, mit unseren scheinbar hochinfektiösen Gottesdiensten haben halt Pech gehabt. Schade, dass wir keine Unterkirche haben, wie bei der Frauenkirche in Dresden. Die müsste doch mindestens so gut sein wie ein Bierkeller. Wirklich schade. 

Nun denn, auch wenn wir am Sonntag Kantate schweigen anstatt zu singen, dann gilt trotzdem noch einmal Paulus: 

Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel, noch Mächte noch Gewalten (und ich denke: Weder Konzepte noch Vorschriften, noch unser Stummsein) … uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserm Herrn (Brief an die Römer, 8,38f). Wo er Recht hat, hat er einfach Recht. Kantate kann kommen.


Mittwoch, 06.05.2020

Eilends!

Ich war nicht dabei. Ich wollte, aber ich durfte nicht. Warum habe ich das mit mir machen lassen? 

So oder so ähnlich kommen Fragen von Menschen, die ihre Angehörigen nicht beim Sterben begleiten durften. Sicher, es gibt Menschen, die wollen gerne allein sein beim Sterben, manchmal zum Entsetzen der Angehörigen. Andere wären froh, es hielte ihnen jemand auf diesem letzten Weg die Hand. Oder sänge ein Lied für sie. Oder würde einen Psalm aus der Bibel lesen oder ein Gebet sprechen. 

Nun aber hat man sich bei uns entschieden, die Gesundheit der Schwächsten zu schützen und nimmt der Einsamkeit, z.T. auch den sehr einsamen Tod der zu Schützenden auf sich. Das ist eine üble Situation. 

Es gibt Situationen im Leben, da ist jede Entscheidung falsch. Dann müssen wir, wie es gerne heisst, das kleiner Übel wählen. Nur, welches ist das? Und was machen wir, wenn wir es nicht entscheiden können? 

Ich leihe mir Worte aus Psalm 31 aus: 

Herr, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir eilends. 

Eilends. Eilends! Dringender geht es kaum. Und wird oft doch länger gehen. Und ich muss es aushalten. Aber wenigstens habe ich einen Ansprechpartner. Dem kann ich meine Ratlosigkeit, meine Verzweiflung und meinen Unmut sagen und, meine meine Verzweiflung: 

Mein Auge ist trübe geworden vor Gram, matt meine Seele im Leib. Denn mein Leben ist hingeschwunden im Kummer und meine Jahre im seufzen. 

Eilends - das war wohl schon damals öfter nichts damit. Ja, so ist es wohl im Leben, solche Zeiten gilt es auszuhalten. Sie machen mich menschlicher. Und nein, ich strebe so etwas nicht an, so wenig wie Sie. Aber ich überlege, wie Klage und Hilfe, die Eile und die Geduld zusammengehören. Eine schwierige Aufgabe, ohne einfache Lösung. Da bleibt mir nur noch einmal der Psalm 31:

Meine Zeit steht in deinen Händen. 

Ich denke an die Angehörigen und überlege: Zorn und Wut gehen, Trauer und Verzweiflung auch. Rechthaberei der Besserwissenden: Das geht nicht. Die hilft uns nicht weiter. Gemeinsam tragen und aushalten, das schon.


Dienstag, 05.05.2020

Zerbrechlich (Gordon Sumner) 

Mit Vernunft hat das nichts zu tun, sich nicht über den Regen zu freuen, der auch heute wieder - endlich - fällt. Trotzdem stellen sich ganz andere Gedanken ein, als noch in den vergangenen sonnigen, viel zu trockenen Tagen. 

Regengedanken

Der Regen wird weiter fallen, immer weiter wird es regnen, wie Tränen eines Sterns, immer wieder wird der Regen sagen, wie zerbrechlich wir sind. 

Ein paar Tage noch - vermutlich - wird uns die Zerbrechlichkeit prägen, bis die Koalition der Autohersteller an der Spitze einer ganzen Gruppe von Unternehmen, die staatliche Subventionen (ja, Steuergelder…) und gleichzeitig Boni und Dividenden zahlen wollen, sie weggewischt, übertönt, zugedeckt haben wird, damit alles wieder so werde wie ehedem, damit keiner mehr darüber nachdenke, ob es so weiter gehen könne. 

Nein ich denke nicht an eine kleine Rücknahme der Globalisierung, sodass wir im Ernstfall wenigstens Masken und Schutzanzüge hätten und auch das eine oder andere noch funktionstüchtige Antibiotikum. 

Gegen die Überhitzung unseres Planeten helfen keine Gesichtsmasken. Wir können es uns auch nicht leisten, darauf zu hoffen, dass doch alles mit der Sonnenaktivität zusammenhänge. Wenn sich das als trügende Hoffnung herausstellen wird, dann wird kein Desinfektionsmittel und Abstandsgebote mehr.

Jetzt hätten wir - unserer Zerbrechlichkeit wieder bewusst - eine Möglichkeit, umzudenken. Aber:

Der Regen morgen wird alle Flecken wegwaschen… vermutlich auch den Versuch, ein wenig umzudenken. Wenn man doch nur nicht auch zu uns sagen wird: 

»Jerusalem, Jerusalem!

Du tötest die Propheten

und steinigst die Boten,

die Gott zu dir sendet!

Wie oft wollte ich deine Kinder um mich versammeln –

wie eine Henne ihre Küken

unter ihren Flügeln beschützt!

Aber ihr habt nicht gewollt« (Matthäus 23,37, Basisbibel).


Montag, 04.05.2020

Nehmen wir’s mit Humor

Die letzten Wochen galten auch für Christen, die in die Kirche wollten, strenge Auflagen. Manche sagten sogar, es hätten immer nur zwei zugleich hineingehen dürfen. Nun, in der Zeller Realität kamen wir dem immer ziemlich nahe. 

Jetzt hat man uns mit sehr deutlichen Auflagen das Feiern von Gottesdiensten (ab dem 10. Mai) wieder erlaubt. Viele davon sind nachvollziehbar, bei manchen tue ich mich schwerer, wenn an anderen Orten das viel laxer gesehen wird. Aber man soll ja nicht undankbar sein, nicht wahr?: 

Die Tante und ihr Neffe sind am Strand. Der Junge geht ins Wasser zum Spielen. Weil der Wind plötzlich ganz kräftig auffrischt, gibt es schnell hohe Wellen. Der Junge kämpft mit den Wellen, geht unter, kommt wieder hoch. Die Tante betet verzweifelt: »Bitte, bitte, o Herr, rette meinen Neffen. Ich will auch alles tun, was du von mir verlangst!« Die nächste Welle spült das Kind an den Strand. Einen Augenblick lang ist die Tante froh, das Kind wieder bei sich und in Sicherheit zu haben, da blickt sie dann doch verärgert nach oben und beschwert sich: »Und wo ist seine Mütze?«

Jetzt ist es an uns und von uns an denen, die sich das gesundheitlich erlauben dürfen, die Kirche - im Rahmen des Erlaubten - wieder mit Leben zu erfüllen. Wir hoffen, dass dies gelingt. Vermutlich gelingt das am besten, wenn es für uns ein Anliegen ist, sonst könnte es sich auch anders wenden: 

Eine Dame betritt die Buchhandlung und sagt, sie suche etwas für einen Kranken. »Etwas Religiöses?«, fragt der Buchhändler. »Ach nein«, sagt die Dame, »es geht ihm schon wieder besser.«

Sonntag, 03.05.2020

Predigt für den Sonntag Jubilate

Jubilate 2020.pdf (450.77KB)
Jubilate 2020.pdf (450.77KB)




Samstag, 02.05.2020

Gott loben - Psalm 66

In der sog. Apostelgeschichte des Neuen Testaments wird uns eine merkwürdige Begebenheit erzählt: Paulus uns sein Reisegefährte Silas waren durch juristische Willkür ins Gefängnis gesperrt worden, ohne Haftbefehl. Dort sitzen sie, und dann heisst es: Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott (Apostelgeschichte 16,24).

Nun sitzen wir nicht im Gefängnis, sondern nur in der Isolation. Gesunde merken das weniger als die, die, von denen gesagt wird, sie müssten stärker geschützt werden. Wir merken auch, dass niemand auf so etwas vorbereitet war. Das ist auch nicht möglich. Wenn die Entscheider ihre mögliche Fehlbarkeit nicht vergessen, dann können die anderen mit vielem leben. 

Und was machen wir, mit uns? Wenn wir Paulus und Silas als Beispiel nehmen, die völlig unvorbereitet und unvorhersehbar ins Gefängnis kamen, dann wäre eine Möglichkeit, Gott zu loben. 

Ich weiss, bei diesem Vorschlag werden manche im besten Fall einen Hustenanfall bekommen und nachsehen wollen, wieviele Tassen mir im Schrank fehlen. 

Im Wochenpsalm (66) lese ich: Er hat das Meer in trockenes Land verwandelt. Zu Fuss ziehen sie sicher durch den Wasserstrom. Dort, am Ufer wollen wir uns freuen über ihn, der für immer herrscht in seiner Macht. 

Ich glaube nicht, dass es hier um Beschwichtigung und Ruhigstellung geht. Sondern darum, wie wir unser Leben (wieder) gewinnen. In diesem Gebet, manche haben es bemerkt, wird an die Rettung am Schilfmeer erinnert (Exodus = 2. Mose 14). Das ist nicht »unser Datum«, aber wir haben hoffentlich andere Erfahrungen, die wir als Rettung deuten können. Und dann wäre es möglich, für den lobende Worte zu finden, der uns geholfen hat. Wenn die aus freien Stücken aus uns herauskommen, dann tragen solche Worte. Dadurch werden wir frei und gewinnen die Deutung unseres Lebens (zurück). Probieren sie es aus. Es ist ein Widerspruch, aber trotzdem: Wer sich an Gott bindet, ist frei.


Freitag, 01.05.2020

Tag der Arbeit 

Sogar auf diesen Tag hat sich etwas wie ein dämpfender Nebel gelegt. Die ruhigste »Walpurgisnacht« seit Jahrzehnten. Vielleicht erinnern sie sich: Gab es früher intelligente Streiche (man hat einem alten Feierabendbauern, der immer ohne zu schauen seinen Schubkarren mit Mist über die Strasse schob, einen Zebrastreifen auf dieselbe gemalt), so ist »man« längst zu unintelligenten Zerstörungen übergegangen. Und diese Nacht? So gut wie nichts, wie es scheint. Am Tag dann keine sogenannten Ausmärsche, keine leiterwagenziehenden Gruppen mit Bier in Kästen und Fässern, keine Maikundgebungen. Verkehrte Welt. In diesem Fall ist es nicht so schlimm. Das wird im nächsten Jahr nachgeholt. Dass von vielen anderen - wirklichen - Katastrofen kaum jemand spricht, ist tatsächlich schlimm: Sogar über das Elend der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln spricht niemand, fast niemand. Wieso eigentlich? Woher diese Stille? Als ob es manchen gerade recht ist, sich in dieses Schweigen fliehen zu können. 

Laut sind aber die, die Konjunkturprogramme und Abwrackprämien fordern. Das sind, wohlgemerkt, nicht die, denen es wirklich elend geht. Gerne verlangen das die, die solche Staatsleistungen wollen, aber den Aktionären trotzdem Dividenden und den Vorständen trotzdem Boni zahlen wollen. Eine seltsame Vorstellung am Tag der Arbeit. Der Rest von Anstand muss irgendwo verloren gegangen sein, wenn Sie ihn finden, sagen Sie es bitte. 

Irgendwo in meinem Kopf ist da noch die Erinnerung an einen, der auch über seine Arbeit spricht: Mir hast du Arbeit gemacht mit deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten. Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht (Jesaja 43,24b+25). 

Ich finde das an diesem seltsam stillen Tag beruhigend, dass einer für uns arbeitet, ganz ohne Boni und Dividende. 



Donnerstag, den 30.04.2020

…wird’s was geben? Hat’s was gegeben!

Ich meine die Auflagen für unsere Gottesdienste. Vor einigen Tagen dachte ich noch, ich müsste unsere Kirche gegenüber den Anwürfen des Intelligenzblattes (für) Deutliche Evangelikal Aussprache in Schutz nehmen, von wegen der Vorwürfe, sie manövriere sich selbst in’s Abseits. Jetzt muss ich mir überlegen, ob ich da nicht vorschnell war. Ich meine damit nicht den dort nachzulesenden Leserbriefkurzschluss, dass, wer Jesus vertraue, vor dem Virus keine Angst zu haben brauche. Das würde ich gar nicht bestreiten, frei nach Mk.16,18. Aber hat so ein Leserbriefschreiber nie gelesen, was in Deut. 6,16 steht: »Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht versuchen«, was von Jesus in Mt.4 zustimmend zitiert wird?

Aber nun müssen wir im Gottesdienst nicht nur 1,5m Abstand halten, sondern 2m. Gerade komme ich aus dem Lebensmittelladen mit vielen Menschen, zugestellten Gängen, eiligen Menschen, selbst mit viel Einsatz sind dort kaum 20cm Abstand zu halten. Ausser natürlich vor mir… Und dann haben sie dort wieder die Kassen direkt nebeneinander offen. Wenn ich Glück habe, schaffe ich da 40 cm Abstand. Nur: Wen interessiert’s? Richtig: Niemand. 

Dass wir aber im Gottesdienst auch mit Mundschutz nicht singen oder laut beten dürfen, das ist ein starkes Stück. Dass man verlangt, das am Kircheneingang kontrollierende »Personal« sei zu schulen, ohne zu sagen in was und wo, ebenso. Wir leben doch in Deutschland, 2020, da gibt es sicher auch dafür irgend eine Zertifizierung, oder nicht, diesmal? 

Es geht mir nicht darum, dagegen aufzubegehren. Ich nehme es auch hin, dass im Zweifel gerne Totschlagsargumente (»Wieviele Tote sind sie bereit zu riskieren?«) statt echter Argumente benutzt werden. Aber mit der Zeit sollte es doch ehrlich zugehen und eine »einigermassen« Gleichbehandlung sollte auch stattfinden. Und dass Online-Gottesdienste in Pflegeheimen vielleicht doch nicht der letzte Schrei sind, sollte man inzwischen auch wissen und ihn daher nicht als (All)heilmittel anpreisen. 

Doch wie resümiert Matthäus (4) zu Beginn des Wirkens Jesu: Das Volk, das in Finsternis sass, hat ein grosses Licht gesehen; und denen, die sassen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen. Daran will ich mich halten. Und vielleicht ereignet sich das auch mal für die, die so etwas vermutlich ausgehandelt haben. Es gilt ja noch Johannes 3,8.


Mittwoch, 29.04.2020

Verschiedene Gaben

Ein Benediktiner, ein Dominikaner, ein Franziskaner und ein Jesuit sitzen in einem Vortragsraum und warten auf den Redner. Plötzlich geht das Licht aus. Der Benediktiner betet gelassen seine Psalmen weiter, denn er kennt sie sowieso auswendig. Der Dominikaner beginnt eine stille Betrachtung über das unterschiedliche Wesen von Licht und Finsternis. Der Franziskaner lobt Gott, der dem Menschen auch die gnädig verhüllende Dunkelheit gewährt.  Plötzlich wird es wieder hell. Was war passiert? Der Jesuit hatte unterdessen den Stromkasten gesucht und die Sicherung wieder angeschaltet.

Tatsächlich geht es um freundlich überzeichnete Klischees, was denn für die verschiedenen Orden typisch sei. Andererseits können wir leicht überlegen, welche dieser Personen uns am ehesten entspricht, wenn es um unseren Glauben geht:
Der glaubensfeste Benediktiner, der filosofische Dominikaner, der fromme Franziskaner und der realistische und praktische Jesuit. 

Wir werden alle brauchen, wenn aus dem Corona-Stillstand der Gesellschaft und der Kirche wieder Leben entstehen soll. Wir werden alle unsere Gaben brauchen, in der Wirtschaft, in der Bildung und eben auch in unseren Gemeinden. 

Wenn Sie sich selber erkannt haben, dann nehmen Sie am besten Ihre Rolle an und machen etwas daraus. Was Sie in Gottes Namen anfangen, da legt er auch seinen Segen darauf. 




Dienstag, 28.04.2020

Morgen, Kinder!

Morgen, Kinder, wird’s was geben,
morgen werden wir uns freun!
Welche Wonne, welches Leben
wird in unserm Hause seyn;
einmal werden wir noch wach,
Heysa, dann ist … 

Nein, nicht, das kann doch nicht ernst gemeint sein! Oder ist das eine neue Form des Ausgangsbegrenzungskollers? Denn das Fest haben wir doch erst wieder in knapp acht Monaten vor uns. Andererseits warten einige andere schon darauf, dass wir wieder Gottesdienst feiern dürfen. 

Aber gemach, wir sind ja in Baden-Württemberg und da geschieht das nicht in Eile. Nun wird vielleicht doch erst der 10. Mai der Tag, an dem wir normalerweise gerne Konfirmation gefeiert hätten. Wenn es dann aber so weit sein sollte und es sich in dieser Woche noch klärt: 

Sonntag, Kinder, wird’s was geben,
Sonntag werden wir uns freun.
Welche Wonne, welches Leben
wird in unsrer Kirche seyn.
12 mal werden wir noch wach,
bis er kommt, der grosse Tag.

Wie wird dann die Kirche glänzen
von der grossen Lichterzahl.
Schöner als bey frohen Tänzen
ein geputzter Kronensaal.
Wisst ihr noch, wie letzt im März,
Gottesdienst war, ohne Scherz? 

Auf dem Altar brannten Kerzen,
auch das Kreuz war hell erleucht’,
und es gab viel frohe Herzen,
wovon manch Gesicht gezeugt!
Das scheint alles lang vorbei,
uns blieb nur die Warterei.

Das wird dann ein schöner Morgen,
neue Freude hoffen wir.
Die Regierung wird schon sorgen
in die Kirch’ dann dürfen wir.
O gewiss, wer ihn nicht ehrt,
ist des Gottesdienst nicht wert.

Nun, ihr Schwestern und ihr Brüder,
lasst uns ihnen dankbar sein.
Und der guten Landregierung
Achtung und Verehrung weihn.
Und auf’s redlichste bemühn,
alles, was sie kränk zu fliehn.

Also, ein paar Tage dauert er noch, der kirchliche Dornröschenschlaf. Woll’n wir hoffen, dass dann auch ein Prinz kommt und die Gemeinde wieder wachküsst. Irgendwie so war das doch, oder?


Montag, 27.04.2020

Relativ

Wir halten den gebotenen Abstand ein, vielleicht sogar bald in den Kirchen. Ab heute sogar mit Mundschutz. Aber mit der Konsequenz ist es so eine Sache. Denn die Abstandsregel gilt nur vor mir und hinter mir. Wer das nicht glaubt, geht einfach einkaufen. Da wird er einigermassen genau befolgt. Die vielen aufgeklebten Markierungen helfen dabei notfalls auch der eindeutige Hinweis der Verkäuferin. Etwas anderes ist es mit dem Abstand zur Seite. Den nehmen viele nicht so genau. Wenn ich nicht aufpasse, drücken sie sich an mir vorbei, Abstand 5 Zentimeter. Oder sie beugen sich über meinen Arm, mit dem ich gerade etwas aus dem Regal nehmen will. Anscheinend war ich so unverschämt, genau an der Stelle zu stehen, wo jemand anderer hinwollte. Wie kann ich nur? Dass er/sie mich gebeten hätte, zur Seite zu gehen, weil man es schliesslich eilig hätte, ich aber bestimmt alle Zeit der Welt, das wäre schon wieder zuviel der Verzögerung gewesen. Da wird mir klar: Viren werden nur nach vorne oder hinten übertragen, aber nie zur Seite oder diagonal, auch nicht nach oben oder unten, dies scheint ein mir unbekanntes Naturgesetzt aus der Biologie der Viren zu sein. Ausserdem übertragen sie sich nie in vollen Aufzügen, wie uns der Gesundheitsminister in einem mutigen Selbstversuch demonstrierte, als er sich rasch noch in einen vollen Aufzug drängte.

So ist wohl das Leben, unklar, uneindeutig, mal halte ich mich an Regeln, mal interpretiere ich sie grosszügig zu meinen Gunsten, wenn’s schnell gehen muss usw. Und das passiert vermutlich jedem von uns (gut, es mag die eine oder andere Ausnahme geben, denen so etwas nie passiert, Sie zum Beispiel). Was aber tun, wenn alles so unvollkommen und inkonsequent zu sein scheint, einschliesslich meiner Person? 

Mir geht ein Satz aus dem Evangelium nach Matthäus durch den Kopf: »Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe« (9,36). Das ist die »Zielgruppe«, die sich Jesus ausgesucht hat. Das erleichtert mich, denn ich merke: Bei dem bin ich an der richtigen Adresse. Meine Inkonsequenzen und Unsicherheiten stören ihn nicht. Sie sind ihm - nicht nur relativ - egal.


Sonntag, 26.04.2020

 



Samstag, 25.04.2020

Aus der Sicht des Herdentiers

Der kommenden Sonntag hat den schönen Namen misericordias domini, Barmherzigkeit des Herrn. Und nirgendwo wird diese Barmherzigkeit schöner in Worte gefasst, als im Psalm 23, der zu diesem Sonntag gehört. 

Einer, der die Psalmen erklärt hat (Prof. Klaus Seybold), schreibt, gerade die ersten Verse seien aus der Sicht des Herdentieres geschrieben, wodurch »alle Aufmerksamkeit auf den Hirten gelenkt« werde, also auch auf das, was der »Hirte« für seine »Herde« tut. Er sorgt für Wasserplätze und Weiden. Das sind die Orte, an denen »sich die Seele erholen« und die »Lebenskräfte zurückkehren« können. 

So sehr wir gerne Individualisten sind, so sehr sind wir immer wieder Herdentiere, die nach- machen, nach- reden. Das Gefährliche daran ist, dass so eine Herde schnell eine Eigendynamik bekommen kann, wo nach der Richtigkeit dessen, was geschieht, nicht mehr gefragt wird. Wie anders kommt es dazu, dass ohne das Gehirn zu benutzen Pflegekräfte in Pflegeheimen oder in Intensivstationen von der »Herde«, der Mitbevölkerung, ausgegrenzt werden? 

Spätestens dann, wenn es noch gelingt, wäre es gut, tatsächlich von der Herde weg wieder hin zum Hirten zu schauen, sonst werden wir tatsächlich zu einer dumm alles niederblökenden Herde. Bei George Orwell haben sie mit dem Ruf »Vierbeiner gut, Zweibeiner schlecht« alle Gedanken unterbunden. 

Das Geblök in diesen Tagen brauche ich Ihnen nicht zu nennen, wir lesen und hören es tagtäglich. Wer kann, macht nicht mit, sondern hält erst einmal den Mund und wer doch etwas sagen will, der könnte sich an diesen Psalm 23 erinnern: »Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, fürchte ich nichts Böses. Denn du bist bei mir. Dein Stock und dein Stab geben mir Trost« (Übersetzung von Klaus Seybold, HAT 1/15 S.100). So etwas lässt sich nicht blöken, diese Worte verdummen nicht, sondern lassen innehalten, nachdenken und dankbar sein. »Individualisten« und »Herdentiere«.

Freitag, 24.04.2020

Bekenntnis einer Konfirmandin

Ich glaube an Gott, den Vater, denn er hat die Welt erschaffen und uns das Leben gegeben. Gott Gibt uns die Kraft und schenkt uns Liebe und lässt uns auch im Tod nicht alleine. 

Und ich glaube an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der für alle Menschen da ist, egal ob reich oder arm, glücklich oder traurig, jung oder alt. Ich weiss, ich kann auf ihn vertrauen, denn auch wenn ich Fehler mache, lässt er uns nicht alleine. Amen. (J)

Donnerstag, 23.04.2020

Der Fluss reisst mich nicht fort

»Der schöne Ostertag« (EG 117) ist eines der beiden Wochenlieder für diese Woche. Jürgen Henkys hat eine mindestens kongeniale Nachdichtung der beiden Vorlagen aus den Niederlanden und England geschaffen. Für die, die das Lied nicht kennen, möchte ich aus der dritten Strofe zitieren: 

Muss ich von hier nach dort - er hat den Weg erlitten. Der Fluss reisst mich nicht fort, seit Jesus ihn durchschritten…

Ob wir nun gerade in Langeweile gefangen sind oder in Aufgaben, wie den eigenen Kindern etwas von der Schule zu ersetzen (wenn Sie mal Lust haben, wie der juristische Amtsschimmel zu wiehern, dann sagen Sie: Ihre Kinder zu beschulen), oder ob Sie beruflich in der vordersten Reihe stehen und nicht wissen können, ob Sie sich als nächstes nicht auch das Virus einfangen: Hier sind Worte, die helfen können. Nein, sie löschen die Aufgaben und Probleme nicht einfach aus, das Leben ist keine Schultafel. Aber wir können uns in das, was Jürgen Henkys hier in Worte gekleidet hat, einfach fallen lassen: »Er hat den Weg erlitten« und »der Fluss reisst mich nicht fort«. 

Sie und ich, wir wissen, was zur Zeit jeden Tag, fast stündlich, auf uns einprasselt: Zu früh! Zu spät! Das hätte längst geschehen sollen! Das gehört schon lange wieder zurückgenommen! Die Politik macht den Fehler zweimal!

Ich muss gestehen, ich kann es nicht mehr hören. Sinnvolle Informationen schon, aber diese Besserwisserei im Nachhinein - da bräuchte ich schon mal das, was im Flugzeug in der Tasche am Vordersitz steckt, das wird zur Zeit kaum gebraucht, es wären schon welche frei). Wenn also das und noch mehr auf Sie einprasselt, dann lesen Sie diese Strofe, besser noch, das ganze Lied und am allerbesten, Sie singen es. Ich sag’s Ihnen, so viel Geborgenheit auf einmal gibt’s nicht oft. Wieso? Ach ja: »Doch nun ist er erstanden.«


Mittwoch, 22.04.2020

Durchblick 

Bitte versuchen Sie sich mal zu erinnern. Wie das war, vor einem Monat. Wussten Sie, was alles auf Sie zukommen würde, auf die Familie, das Dorf, die Vereine, die Stadt - und die Kirchengemeinde? Ja? Na dann, herzlichen Glückwunsch. Dann gehören Sie zu den wenigen, die vorher schon den grossen Durchblick hatten. Vielleicht sogar so etwas wie einen Fahrplan, wie man durch das »Corona-Chaos« hindurchfinden wird. Ich bin beeindruckt von solchen Menschen. 

In einer Nachrichtenagentur für Evangelikale gibt es auch so jemand. Sie schreibt dort über die Kirchen, die sich »freiwillig in die Bedeutungslosigkeit« manövrieren. Siehe da, die Kirchen wollten jetzt ein »Konzepte entwickeln um Gottesdienste zu feiern.« Das hätten sie aber schon »längst im März formulieren können.« Ich bin noch mehr beeindruckt. 

Ja, mir geht es auch gegen den Strich, dass wir keine Gottesdienste feiern können. Aber es ist etwas anderes, wie von ihr zustimmend referiert wird, dass Menschen in der Sowjetunion unter Todesdrohungen Gottesdienste feierten, oder ob man es in Kauf nimmt, eventuell zur fröhlichen Virenschleuder zu werden, die viele andere ansteckt. Hut ab, dass Menschen damals so zu ihrem Glauben standen. Sie taten es mit hohem persönlichen Risiko, aber nichts als potentielle Gefahr für andere. 

Alle, die wie hier vorher schon zu wissen schienen, wie es richtig und verantwortungsbewusst geht, wünsche ich mir in die entscheidenden Gremien, damit sie dort tatsächlich Verantwortung übernehmen können. Das sollte gehen, denn sie blicken ja durch. 

Ich selber aber muss wohl zurück auf Start und noch einmal bei dem anfangen, was in Revision des Neuen Testaments von 1956 (Lutherbibel) so schön formuliert war: »Weiter, lieber Brüder (doch, die Schwestern auch…): »Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was lieblich, was wohllautend, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denket nach (Philipper 4,7).«


Dienstag, 21.04.2020

Noch einmal: Strafe?

»Es ist noch nicht vorbei«, sagen die einen. »Wir brauchen Lockerungen der Beschränkungen«, setzen diese doch z.T. Grundrechte ausser Kraft, reklamieren die anderen. Dritte mahnen, man solle nun nicht leichtsinnig werden und wir würden wohl noch Monate mit Einschränkungen leben müssen, zumindest aber, bis es einen Impfstoff gebe. 

Andere, etwa der »twitternde Präsident« will das alles nicht wahrhaben, will keinerlei Verantwortung übernehmen, wenn es denn nicht zu vermeiden ist, wälzt er sie auf andere ab und plant, eine grosses Experiment mit seiner Bevölkerung zu mache, etwa dergestalt, dass man die Einschränkungen aufheben solle, und zusehen, was dabei herauskäme. Könnte klappen - oder fürchterlich schiefgehen. 

An wem sollen wir uns nun abarbeiten, mit unserer Ungeduld und Unzufriedenheit, dass wir nicht mal unseren Sommerurlaub planen sollen und wenn doch, dann nicht jenseits der Landesgrenzen?

Das dürfte vielleicht noch gespenstisch werden, wenn es wirklich eine zweite Welle geben sollte, die noch schlimmer sein könnte. 

Was würde dann die Öffentlichkeit sagen, wenn plötzlich jemand laut sagte: Das ist die Warnung Gottes?  

Martin Sallmann schreibt im Buch »Um Himmels Willen: Religion in Katastrophenzeiten«: 

»Aus den traurigen Zeiten der Gegenwart lässt sich erschliessen, was von der der Bevölkerung gefordert ist. Denn die traurigen Zeiten … seien nichts anderes als die Stimme Gottes, die zur Besserung« rufe. … »Wenn das ›liebe Creutz‹ bei uns anklopfe, dann würden wir demütig.«

So wurde es - vor allem früher - gerne gesagt, mit bescheidenem und nur kurzfristigem Erfolg. Ich will lieber aus einer anderen Richtung denken: Tatsächlich ist es so, dass wir für alles einen Preis zahlen, denn unser Tun läuft nicht ins Leere. Und manche Dinge, die eine Zeit lang - leider nur für manche - so perfekt liefen, machen eben verletzlich, diesmal leider nicht nur manche, sondern alle. 

Wenn wir uns an Gott (was überraschenderweise dann auch die tun, die seine Existenz bestreiten) abarbeiten wollen, dann nicht daran, dass er uns irgendwelche Strafen schickt oder zur Besinnung zwingt. Wenn, dann doch lieber an einem Satz, der vom Profeten Amos stammt: »Suchet mich, so werde ihr leben (Amos 5,4).« Wär’ doch mal einen Versuch wert, Zeit haben wir ja, dank der Ausgangsbeschränkungen.


Montag, 20.04.2020

Was sich verändern wird

Am Ende eines populären Vortrages über ein statistisches Problem beendet ein junger Informatiker seine Rede mit der Frage, was sich im letzten Jahrzehnt (gemeint ist 2010-20) verändert habe? Für sich selbst gibt er die Antwort, es sei die Entstehung der Empörungskultur. Nicht mehr die Fakten seien wichtig, sondern ob sich jemand über etwas empöre. Natürlich leisten die sogenannten sozialen Medien dem enorm Vorschub. Dort kann jeder, auch anonym, seine Meinung äussern und muss nicht dazu stehen. Es kann gemutmasst, gelästert, gehetzt und verleumdet werden, es können Menschen verleumdet werden es macht alles nichts, kostet nichts und bleibt wohl für immer, ausser das Internet sollte irgendwann abgeschaltet werden. 

Ich kann seinen Unmut nachvollziehen. Mir selber sind diese billigen Worte auch nicht geheuer, für die ich nicht einstehen muss. Manche regieren sogar hauptsächlich mit diesen Botschaften, die maximal 140 Zeichen haben dürfen. 

Was tun wir aber in den Fällen, in denen die Faktenlage für Entscheidungen noch nicht ausreichend ist, wir aber auch nicht darauf warten können, bis es einmal so weit ist? Nun, dann müssen wir nach bestem Wissen und Gewissen und ohne Hass und Verleumdung sagen, was wir für richtig halten, immer mit der Möglichkeit rechnend, dass wir uns irren können und dann korrigieren müssen. 

Der Profet Jeremia, der mehr als einmal den Tag seiner Geburt verflucht hat, weil ihm das Profetsein zu schwer wurde, bekommt auf seine Klagen diese Antwort: 

Wenn du dich zu mir hältst, so will ich mich zu dir halten, und du sollst mein Prediger bleiben. Und wenn du recht redest und nicht leichtfertig, so sollst du mein Mund sein (Jeremia 15,19). 




Quasimodogeniti (Wie die Neugeborenen) 19.04.2020




Ostermontag, 13.04.2020

Pfarrer Hans Joachim Demuth, der in seinem Ruhestand unsere Kirchengemeinde Zell i.W. viele Jahre betreut hat, hat aus der Not eine Tugend gemacht und die Osternacht allein gefeiert, in seinem Garten. 

https://youtu.be/VmVkL3NrE60

Wir haben auch einmal versucht, eine Kurzfassung des ungehaltenen Gottesdienstes an Ostern aufzunehmen. Leider haben wir gemerkt, dass wir unsere Ausrüstung noch ein wenig aufrüsten müssen... Der Ton ist von eher bescheidener Qualität. Gefilmt hat Markus Becker. 

Ostern 2020.mp4 (331.8MB)
Ostern 2020.mp4 (331.8MB)




Ostersonntag, 12.04.2020

Ostern 2020.pdf (467.66KB)
Ostern 2020.pdf (467.66KB)



Karsamstag, 11.04.2020

Uli Führe hat Bilder des Grafikers Bruno Schley zusammengestellt und den Choral »Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen« dazu bearbeitet. 

https://www.youtube.com/watch?v=Hzgg48690gM

 


Karfreitag, 10.09.2020

Predigt

Karfreitag 2020
3. Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses
Karfreitag 2020.pdf (436.45KB)
Karfreitag 2020
3. Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses
Karfreitag 2020.pdf (436.45KB)





Donnerstag, den 09.04.2020

Im Kampf um Sein oder Nichtsein

Vor 75 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer ermordet. Sein Biograf Eberhard Bethge nennt ihn: Theologe, Christ, Zeitgenosse, in dieser Reihenfolge. Er meint damit dass sich Bonhoeffers Lebensschwerpunkte dreimal stark verändert haben. Am Ende stand der Zeitgenosse, der in den Widerstand gegen Hitler ging und auch bereit gewesen wäre, eine Bombe zu zünden. Für viele Konservative (und das war Bonhoeffer von Haus aus) und noch viele mehr für viele Christen war bewaffneter Widerstand gegen die Regierung absolut undenkbar. Für Bonhoeffer war klar: Schuldig werde ich immer - ob ich nun Hitler töte, oder ob ich zuschaue, wie durch seinen Krieg Millionen von Menschen sterben. Auch von denen, die gegen Hitler waren, wurde es oft als das kleinere Übel gesehen, nichts mit Gewalt ihn zu tun. 

Viele in seiner Kirche hatten mit der Entscheidung Bonhoeffers für den aktiven Widerstand auch nach dem 8. Mai 1945 die grössten Schwierigkeiten. Nun gut, damit waren (und sind?) sie nicht allein. Auch in der Politik oder in der Rechtsprechung gab es öfter, als einem lieb sein mag, in bestimmten Bereichen eine gewisse Kontinuität vom dritten Reich hinein in die Bonner Republik. Anders als nach dem Ende der DDR konnten viele aus Hitlers Verwaltung und Rechtsprechung ohne grössere Schwierigkeiten einfach weitermachen. Das merkte man daran, dass die Unrechtsurteile, auch das gegen Bonhoeffer, lange nicht aufgehoben wurden. Im letzten Prozess gegen Walter Huppenkothen, Abteilungsleiter im Reichssicherheitshauptamt und Ankläger im Standgerichtsverfahren gegen Bonhoeffer und andere im KZ Flossenbürg, stellte das Gericht fest: 

»In einem Kampf um Sein oder Nichtsein sind bei allen Völkern von jeher strenge Gesetze zum Staatsschutz erlassen worden.« Einem Richter könne »angesichts seiner Unterworfenheit unter die damaligen Gesetze« kein Vorwurf daraus gemacht werden, wenn er »glaubte«, Widerstandskämpfer »zum Tode verurteilen zu müssen«. - Nach dieser Logik der bundesdeutschen Rechtsprechung starben Bonhoeffer, Canaris, Oster und andere zurecht als Verbrecher. 

Erst in den 1990 Jahren wurde auch das Urteil des NS Standgerichtes gegen Bonhoeffer aufgehoben und für Unrecht erklärt, nicht durch ein deutsches Gericht, so weit kommt’s noch, sondern durch ein Gesetz des deutschen Bundestages. 

Die Zeiten und die Umstände lassen sich nicht vergleichen, auch nicht die von 2020 und 1945. Was mich aber beschäftigt, ist die Frage, wie es wohl bei uns aussehen wird mit der Kontinuität, wenn die Pandemie vorüber ist? Wird es - so gut wie möglich - weitergehen wir vorher? Oder wird es einen Bruch geben und wir werden unser Leben, die Wirtschaft, die Kultur usw. umgestalten, wo es sinnvoll ist? 

Wird sich in der Politik etwas ändern, etwa in dem man versucht, nun das Elend der Flüchtlinge zu bekämpfen - und auch die Ursachen der Flucht?

Wird sich auch in unserer Kirche und in unseren mehr oder weniger »stillgelegten« Gemeinden etwas ändern, wenn wir aus dieser Stille wieder herauskommen?


Mittwoch, 08.04.2020

Wie tief...

                ...die Angst...

Da können Sie beliebige Fortsetzungen bilden. Wenn man einer Zeitung, von der man hier nicht mehr wissen muss, als dass sie mit »Z« anfängt und mit »eit« endet, glauben darf, dann wurde eine Intensivpflegerin, die Corona-Patienten betreut, nach der Beschwerde einer anderen Kundin durch den Sicherheitsdienst aus einem Supermarkt geschafft. Die anderen Bewohner ihres Dorfes grüssen sie kaum noch und machen einen grossen Bogen um sie. Das wäre so ganz anders als das Lob, das die Regierenden in diesen Tagen an diese Personengruppe so gerne verteilen.

Nun, wie würden Sie den Satz in der Überschrift fortführen? Im ersten Augenblick schiesst mir durch‘s Hirn: Wie tief kann der Mensch noch sinken? Und boshaft denke ich mir: Wer so etwas tut, ja, Ihr, Ihr werdet alle nicht gepflegt, wenn‘s Euch erwischen sollte. Genau!

Aber nein, jetzt bin ich ungefähr auf dem Niveau wie eine gut erfunden Fussballanekdote, wo die Fans den Schiedsrichter, nach einem - natürlich völlig unberechtigten - Elfmeter angeifern: »Ey, Schiri, wir wissen, wo dein Haus wohnt…«

Dann lieber noch einmal: Wie tief kann die Angst noch werden? Besser so?

Bei allem Ärger, wenn ich auf die »…« anderer herunterschaue, sinke ich gleich mit in die Tiefe. Ich muss an den Werbetrailer einer (völlig sinnfreien / unsinnigen / schwachsinnigen... ach, suchen Sie sich was aus) Fernsehsendung denken, in dem ein Teilnehmer (selbstironisch?) sagt: »Diese Sendung bringt das Schlechteste in uns zum Vorschein.« Macht das Corona mit uns auch? 

Ich fürchte, dass das schon geschehen könnte oder  schon geschehen ist. Und muss gestehen, dass ich kein Mittel dagegen weiss, weder gegen die Tiefe der Angst noch gegen das tiefe Sinken. Ich kann nicht mal raten: Menschlich bleiben! Denn zum Menschsein gehört so ein Verhalten leider auch. 

In der Vertreibung aus dem Paradies heisst es, sie werden künftig »im Schweisse ihres Angsichts« ihr Brot essen. Ich fürchte, nicht nur das ist für die grosse Mehrheit der Menschen wahr geworden, sondern auch das, dass wir mit der Begrenztheit unseres Mitgefühls und unseres Verstandes leben müssen. 

Was machen wir da? Die Schwaben haben’s leicht, die haben für so was ein Gebet, das ein wenig überheblich klingt: »Herr, schmeiss Hirn raa!« Muss ich nicht übersetzen, oder?

Und was machen die Nichtschwaben? Ich halte mich an die Bergpredigt: »Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen« (Mt.5,7). O Gott, lass mich barmherzig sein, und andere auch mit mir, ich will nicht, dass das Regal mit der Barmherzigkeit und das mit meinem Verstand in mir aussehen, wie das mit dem Toilettenpapier im Supermarkt.


Dienstag, 07. April 2020

Sorgen 

In den beiden Anleitungen zum Beten folgen wir einer Tradition der reformierten Kirche Schottlands.

Wenn Sie Sorgen haben oder aufgewühlt sind: Denken Sie daran, dass Jesus Christus versprochen hat »Ich bin bei Dir alle Tage« und sprechen Sie: 

Ich bin verzweifelt, Gott, und verzagt, 

weil …

Wenn ich nicht mehr weiss, wie es weitergehen soll,
hilf mir, Dir trotzdem zu vertrauen,

wenn ich nichts mehr verstehe, auch Dich nicht,
dann legen Glauben in mich, 

wenn alles nur noch dunkel erscheint,
dann lass etwas von Deinem Licht
in mein Herz scheinen. 


Wenn Sie jemand kennen, dem Ihr Gebet gut tun würde: Denken Sie daran, dass Gott zuhört - dass er vielleicht gerade Sie gebrauchen will, um seine Liebe weiterzugeben - und sprechen Sie: 

Deiner Liebe und Fürsorge, Gott, 

befehle ich alle, die mir nahe sind, 

besonders …

Nimm dich um jedes verletzte Herz an,
um jedes Haus, in dem Sorgen herrschen, 

sei bei allen, die leiden und traurig sind

und schenke ihnen Deinen Frieden
und Deine Ruhe, besonders …

Darum bitte ich Dich
durch Jesus Christus, unseren Herrn.


Montag, 06. April 2020

Pandemie, ein Weckruf? So heisst es in den Nachrichten. 

30 Minuten Nachrichten, ein Thema: Das Corona-Virus und die Folgen. Mann spürt die Verunsicherung in jeder Schlagzeile. Das Handwerk befürchtet Pleiten, die Industrie auch, das gebeutelte Gastgewerbe ohnehin. Der Staat plant zusätzliche Hilfen für den Mittelstand. Mittelstand? Klar, das sind die, die sonst nie was bekommen vom Staat. Man befürchtet, dass die staatlichen Hilfen aber zu spät kommen werden, da alles von den Hausbanken ausgebremst werde. Einige europäische Länder rufen nach Solidarität der Anderen. Man bräuchte ein Rettungsschirm von 1000 Milliarde Euro. Ja, 1.000.000.000.000 Euro. Da müssten ganze Altersheime lange dafür stricken, eine alte Frau reicht da wirklich nicht mehr. Ein Staat bezichtigt den anderen, ihm die bestellten Schutzmasken abgezweigt zu haben. Ein Akt der Piraterie! 

So könnte ich weiterschreiben, seitenlang, denn inzwischen machen alle mit, beim Schreiben über Sorgen, Bedenken, Befürchtungen und Spekulationen über die Zukunft. Nicht nur die Zeitung mit den vier grossen Buchstaben aus Berlin, sondern auch der Ableger für die Intellektuellen (ja, mit sieben Buchstaben und aus Hamburg).

Ein Kabarettist sorgt sich, dass die Entscheidungsträger nicht etwas tun, weil sie von dessen Richtigkeit überzeugt seien, sondern irgend etwas, damit niemand sagen könne, es sei nichts geschehen. 

Was soll ich dazu sagen? Ich weiss es auch nicht besser. Ich leihe mir Worte Dietrich Bonhoeffers, der am 9. April seinen 75. Todestag hat, auf Führerbefehl ermordet, 21 Tage, bevor dieser in »Ausübung seiner Pflichten« um Leben gekommen sei, wie man auch so kurz vor dem Zusammenbruch noch den Suizid schönfärbte. Was waren das für Menschen, die auch so kurz vor dem absehbaren Ende noch an den »Endsieg« glaubten? 

Dem, und unserer Verunsicherung, seien diese biografischen Verse Bonhoeffers gegenübergestellt:

Tat

Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,

nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,

nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.

Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,

nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,

und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.

Nur vom Glauben getragen... ich lasse mir das sagen, weil es Worte eines Menschen sind, der weiss, dass er nicht mehr lebend aus dem Gefängnis herauskommen wird. 

Darüber, wie dieser Glaube »geht«, entfaltet Paulus eine ganze Kette von Erfahrungen: 

Das Leid lehrt, standhaft zu bleiben. Die Standhaftigkeit lehrt, sich zu bewähren. Die Bewährung lehrt, zu hoffen. Aber die Hoffnung macht uns nicht zum Gespött (aus dem Römerbrief, Kapitel 8). 

Na, klingelt‘s bei Ihnen? Der Weckruf! Nein? Macht nichts, nach dem Aufwachen sind alle ein wenig verpeilt (bis auf diese Frühaufsteher, die so unverschämt wach aus dem Bett springen).

Aber wenn wir uns berappelt haben, dann entscheiden auch wir, was es auszuhalten gilt und wo es besser ist, etwas zu tun.


Sonntag, 05. April 2020

Predigtreihe über das Glaubensbekenntnis




Samstag, den 04. April 2020

Shabby chic

Bewahren Sie gerne alte Sachen auf? Wer weiss, man könnte sie ja noch einmal brauchen! Also, kommen Sie mit, ich zeige Ihnen etwas. Wir machen eine kleine »archäologische« Reise, in das, was manche ihre Rumpelkammer nennen. Ich habe da was gefunden, von dem die meisten gar nicht wussten, dass es noch da ist. Ich meine eines der Lieder aus dem Gesangbuch für die kommende Woche. Irgendwo in Ihrem Bücherregal steht es, vielleicht in der zweiten Reihe, dieses Gesangbuch. Manche haben es nur noch, weil Momox es nicht nimmt. Darin stehen viele »alte Schätzchen«. Eine Probe gefällig? 

»Dein König kommt in niedern Hüllen, ihn trägt der lastbarn Es’lin Füllen… Trag ihm entgegen Friedenspalmen, bestreu den Weg mit grünen Halmen, so ist’s dem Herren angenehm« (Evang. Gesangbuch Nr. 14). 

Ich bin mir sicher, die Mehrheit unserer Bevölkerung hätte nicht einmal so weit freiwillig gelesen. Manche hätten sich ratlos am Ohr gekratzt und gedacht: „Äh, wie bitte?“ andere fragen sich, was das für ein Quatsch sei? 

Ich übersetzte mal: Es kommt ein »König«, damit ist einer gemeint, der etwas kann und der es gut mit uns meint. Kein Diktator, keiner, der eine Krise dazu benutzt, das eigene Parlament, die Bürgermeister und am besten noch die Gerichte auszuhebeln. Er kommt nicht in Gucci-Klamotten (Verzeihung, Herr Armani oder Herr Boss), er fährt nicht in der gepanzerten Vorstands- oder Präsidentenlimo vor, sondern er sitzt in einer Rikscha, bestenfalls in einem Tuk-Tuk. Und alle, die ihn willkommen heissen wollen, sollen das mit Friedenspalmen tun. Das ist doch mal ein Alternativprogramm. 

Ist das nun echt, oder eine Show? Muss wohl echt sein, denn sogar der eigene Verein, ja, ich meine die Kirche, hat diese Bescheidenheit immer wieder mal vergessen, bis heute. Wir brauchen gar keine Lupe und keinen Archäologenpinsel, ein Bisschen pusten reicht, weg ist der Staub und unser Fund erzählt jedem von Bescheidenheit und Frieden. 

Machen Sie noch einen Augenblick mit? Dann nehmen wir uns das nächste Artefakt:

»O mächtger Herrscher ohne Heere, gewalt’ger Kämpfer ohne Speere, o Friedefürst von grosser Macht. Es wollen dir der Erde Herren den Weg zu deinem Thron versperren, doch du gewinnst ihn ohne Schlacht«.

Keine Waffen, keine Söldner, kein Geheimdienst, keine Finanzen in Milliardenhöhe, woher soll da die Macht kommen? Während wir uns noch wundern, haben es die Mächtigen aller Zeiten immer schnell verstanden: So ein verrückter Idealist, der stört. Aber der geht einfach seinen Weg weiter. Ohne Gewalt und Waffen, ausser der einen, dass er uns Menschen liebt und dass er bereit ist, für uns alles zu geben. 

Ist das veraltet? Wohl schon, aber das war es immer schon. Wenn es immer schon so war, dann ist es zeitlos. Vielleicht nehmen wir das doch wieder in unserem Leben auf? Ein Bisschen vintage, aber das ist doch wieder in. Oder shabby chic? Das wär doch mal was. 

Shabby chic, so werden wir bei wikipedia belehrt, »war ursprünglich eine Gegenbewegung zu der Neigung der oberen Mittelklasse, sich kostspielige Innenausstattung im viktorianischen Stil anzuschaffen«. Na, das passt doch. Wir erfahren auch noch, dass es zu Stil gehört, dazu »eine Mischung aus Erbstücken, Flohmarktkäufen und Selbstgemachtem sowie Möbel und Gegenstände mit sichtbaren Gebrauchsspuren zum Konzept gehören.« Ja, Sie sind doch auch einmal getauft worden, waren vielleicht im Kindergottesdienst, im Religionsunterricht, sind konfirmiert worden, vielleicht sogar getraut und haben ihre Kinder taufen lassen? Das ist lange her? Macht nichts, vielleicht wäre das ihr ganz persönlicher Zugang, nicht nur zu diesem Lied mit seinem sprachlichen shabby chic.


Freitag, den 03. April 2020

Das Wasser geht mir bis an die Kehle (Wochenpsalm = Ps. 69)

Nun sind wir schon in der dritten Woche mit Ausgangsbeschränkungen. Noch werden sie akzeptiert, inzwischen sind die Beschränkungen auch mit deutlichen Strafen bewehrt. Wie lange wird das noch dauern? Und wann ist es so weit, dass Menschen sie nicht mehr aushalten (wollen) und beginnen, sie zu hintertreiben? Da lernt sich mancher selbst noch einmal ganz neu kennen. Es macht mit jedem von uns etwas, wenn das Selbstverständliche nicht mehr selbstverständlich ist. Und dabei geht es noch gar nicht darum, ob später die ganzen Einschränkungen auch wirklich wieder aufgehoben werden… 

Einen Teil unserer Erfahrungen finden wir in den nun zu unverhoffter Aktualität kommenden Worten aus Psalm 69. Bei manchen Sätzen hat man den Eindruck, als ob sie gestern geschrieben worden wären. Es dürften viele sein, die das, was hier beschrieben wird, im übertragenen Sinn so erleben, dass ihnen »das Wasser« bis an die Kehle geht. Dass sie ihren Verwandten und Freunden »fremd werden«, weil man sich kaum noch sieht. 

Freilich stand damals kein Virus im Hintergrund, sonder das »Der Eifer um dein Haus hat mich gefressen…« O, da werden uns die alten Worte schon wieder fremd. Auch wenn es beim »Eifer um dein Haus« für uns um mehr als das Bauwerk Kirche geht. Da ereifern sich Menschen meistens nur noch, wenn eine Kirche entwidmet und dann verkauft oder abgerissen werden soll, also schon spät bis zu spät. 

Mit Gottes »Haus« ist für uns auch die Gemeinde gemeint und die Kirche als Gestalt des gelebten Glaubens. Da gibt es keinen fressenden Eifer, und wenn doch, ist er vielen eher verdächtig. Dass wir so radikal alles einer Sache unterordnen, das kennen wir - im Guten - am ehesten noch von der Zeit, als wir uns heftig verliebt hatten. Ob sie sich noch etwas aus dieser Zeit bewahrt haben, wenigstens als Erinnerung? Die Zeit, als der (hier säkularisierte) Satz Tersteegens wirklich war: »Ich fühls, du bist‘s dich muss ich haben« (EG 651,3)? Und manche denken: »Ach, wenn ich doch nur noch mal jung wäre!« Nun, die Jugendzeit, »sie kommt nicht mehr«, für uns. 

Aber seltsam, dass sich einer seine Jugend so lange schon bewahrt hat, Gott, der hinter uns herläuft und uns zu erreichen versucht, wie ein Verliebter, so unermüdlich… Und wenn Sie sich ihm wieder einmal zuwenden, und das Gespräch mit ihm suchen? Zumindest im Kopf ist der Weg in den Eifer unserer jungen Jahre gar nicht so weit. Sie werden sogar feststellen, dass seine »treue Hilfe« auch nicht weit ist. Die ist selbstverständlich und immer da. - »Isso!«, würden die Jungen sagen. 

(aus Psalm 69:)

2 Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.
3 Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.
4 Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott. Denn um deinetwillen trage ich Schmach, mein Angesicht ist voller Schande.
9 Ich bin fremd geworden meinen Brüdern und unbekannt den Kindern meiner Mutter;
10 denn der Eifer um dein Haus hat mich gefressen, und die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.
14 Ich aber bete, HERR, zu dir zur Zeit der Gnade; Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.


Donnerstag, den 02. April 2020

Von der (vorübergehenden) Sehnsucht nach Normalität

Normalität wird spätestens dann attraktiv, wenn wir sie eine Weile nicht mehr haben. Irgend wann wünschen wir sie uns zurück, vor allem, wenn es nicht geht, so wie jetzt. 

Keine Normalität haben wir auch beim Konfirmandenunterricht. Wir können nur noch Aufgaben verschicken und bekommen sie bearbeitet zurück, das persönliche Gespräch oder das in der Gruppe fällt weg, das ist schon sehr unbefriedigend, wenigstens für mich. 

Nun ging es in diesen Tagen bei uns auch um Römer 12 und der Aufstellung, wie sich Paulus ein christliches Leben vorstellt. Wenn Sie das mal lesen, werden Sie vielleicht denken: »Normal ist das nicht!« Eine Person aus unserer Gruppe hat zu einem Gedanken aus Römer 12,11 »Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn« (Römer 12,11) angemerkt: »An sich finde ich den Satz gut, mich stört aber »dient dem Herrn«, damit wird eher Druck ausgeübt und der Zwang, Gott zu dienen wird größer / groß.«

O je, denke ich mir, das ist ja schade, wenn das Christsein als Druck empfunden wird. So ist es doch nicht gemeint, oder? Aber unbequem ist es schon, Gott zu dienen. Für viele ist es so, dass da wirklich noch etwas dazukommt in ihrem Leben und sie denken, »Jetzt soll ich das auch noch machen!« Da gibt es schnell Widerstände, wenn scheinbar immer noch etwas dazukommt. Dann wird jeder beginnen, Abstriche zu machen und zu entscheiden, was ihm / ihr wichtiger ist, der Rest muss warten, der Glaube vielleicht auch. Heute ist es eher »unnormal«, dass der Glaube an Gott eine wichtige Rolle im Leben spielt und nicht nur dann vorkommt, wenn sonst gar nichts mehr ist. 

Und was macht man da so, wenn wir Gott dienen? Paulus meint z.B.: »Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden«. Hm, geht gerade nur per Telefon oder auf Distanz, da ist es eher nutzlos. »Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.« Ja, das geht, auch jetzt. »Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann«, das geht auch. »Übt Gastfreundschaft.« Geht gerade nicht. O, es sind wirklich keine einfachen Zeiten. Was ist da noch normal? Gut, versuchen wir es einfach mal mit dem, was geht, das Andere darf erst mal warten. Das sehe ich ein. Ist ja nicht für immer. Und der Druck? Vielleicht könnte man es so anfange, dass wir mit dem anfangen, was »von innen« kommt, ganz freiwillig, weil mir Gott und andere Menschen wichtig sind. Und dann sehen wir, wie sich das entwickelt, ob es uns nicht einfach gut tut, Gott zu dienen in dem, was wir tun. Aber eins ist sicher: Normal ist das nicht.


Mittwoch, 01. April 2020

Was vom Vater erwartet wird

Viele hätten ihm das nicht zugetraut, haben über ihn gelästert, als er Pateivorsitzender und dann Ministerpräsident in Bayern wurde. Jetzt, in der Corona-Krise, wird seine Handeln bewundert. Endlich einer, der weiss, was er tut. Lassen wir es dahingestellt, ob der Markus Söder ausser »bayerischer Landesvater« auch noch der neue »Bundesvater« werden sollte. 

Tatsächlich scharen sich Menschen in unsicheren Zeiten gerne um den Mann oder die Frau, und wollen sich sagen lassen, wo es lang geht und was jetzt richtig ist. Das entlastet. 

In der Kirche ist das nicht viel anders. Man sucht dort vielleicht nicht gleich Gott, den »Vater«, sondern hält sich gerne an das »Bodenpersonal«. Bei den röm.-kath. Geschwistern ist das natürlich Francesco. Und bei uns? Ach, da haben wir ja gar niemand, werden manche sagen. Selber schuld, werden auch welche sagen. 

Gemach, wir haben keinen Francesco, aber wir haben dafür einen, der zu einem »evangelischen Heiligen« geworden ist. Wir haben Dietrich Bonhoeffer, bei vielen beliebt, seltsamerweise: Von fromm bis liberal, von fortschrittlich bis konservativ. Fast alle finden bei ihm »ihr« Zitat. Der Arme, denke ich mir. Hat er das verdient, dass jeder sich bei ihm bedient, um mit seiner Reputation als christlichem Märtyrer, die eigene Position unangreifbarer zu machen? Am 9. April vor 75 Jahren wurde Bonhoeffer ermordet, auf Befehl dessen, dem viele Deutsche als ihrer »Vater«figur gefolgt waren. 

In seiner Schrift »Nach 10 Jahren« schrieb Bonhoeffer:

»Ich glaube, daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.«
Damit war nicht »Corona« gemeint, aber Sie werden sich Ihre eigenen Gedanken dazu machen. 

»Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.« 

Bonhoeffer denkt wohl an Römer 8,28: »Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen…«. Nun, gut gesagt, aber nicht so ganz leicht auch getan. Probieren Sie es doch mal aus, was Ihnen aus Ihrem Leben dazu einfällt. 

»Ich glaube, daß Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus…«
Oha, Gottvertrauen, und das in Zeiten der Hamsterkäufer. Immerhin, hier ist nicht einfach die Rede vom die Hände in den Schoss legen, obwohl das auch mal dran sein kann, sondern die Rede ist von Widerstandskraft. Die haben wir oft eher nicht, jedenfalls dann, wenn es persönlich wird (siehe Hamsterkäufer). Die muss man sich schenken lassen. Aber im Ernst: Wollen Sie wirklich so weit gehen? Wenn ja, dann: Herzlichen Glückwunsch!

»Ich glaube, daß auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und daß es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten…«

Wie tröstlich. Wir dürfen Fehler machen und Irrtümern aufsitzen. Wir brauchen beim Spiel der politischen »Väter« (und »Mütter?«) und der Journalist*innen jeder Art nicht mitzumachen, wer zu früh, zu spät, zu streng, zu lasch gehandelt habe. Diese Sau treiben wir nicht durch Dorf und Stadt, sondern vertrauen darauf, was der Liedermacher Konstantin Wecker einmal so gedichtet hat: »Doch weil der Himmel gütig ist, kann einem selbst der grösste Mist, darf einem oft die grösste Pein im Nachhinein ganz nützlich sein.« Den richtigen »Vater« und die richtige »Mutter« muss man haben.


Dienstag, 31. März 2020

Ist  CORONA eine Strafe Gottes?

Klar, so eine Frage muss irgend wann kommen. Wenn ja, dann sollte man auf jeden Fall wissen, für was, sonst wäre eine Strafe auf jeden Fall völlig sinnlos. In der Bibel gibt es den Gedanken öfters. König David wir für seine Eitelkeit bestraft, das Volk, das nichts dafür kann, gleich mit. Im Neuen Testament wird ein heuchlerisches Ehepaar bestraft usw., aber wer sagt uns, dass das Strafen Gottes sind? Ich könnte das nicht. Wenn überhaupt, denke ich, kann man von Strafen Gottes nur persönlich reden, weil man etwas für sich so empfindet. Aber sonst?

Nun kam aber ein schweizer Arzt (siehe Eintrag vom 24.3.) kürzlich mit dem Gedanken um die Ecke, die »Evolution« könnte uns das Corona-Virus geschickt haben, um wieder etwas »in Ordnung« zu bringen. Erstaunlich. Die »Evolution« will uns noch eine Chance geben. Damit es nicht so kommt: Treffen sich zwei Planeten. Der eine: »Du siehst furchtbar aus«. Der andere: »Ach, ich habe die Menschen«. Darauf der erste: »Ja, das ist übel, aber sei froh, das geht vorbei…« Der Mensch, eine Virus, das dann irgendwann vom Immunsystem abgetötet wird? Leider verhalten wir uns öfters genau wie ein Virus: Wir beuten den Wirt aus, bis er nichts mehr hergibt.

Trotzdem, ich denke nicht, dass jemand von uns die Kompetenz und die Autorität hat, etwas als die Strafe Gottes zu bezeichnen, auch nicht das Corona-Virus. Zumal, wenn es andere betrifft. Aber ob uns das Virus auf Fehlentwicklungen aufmerksam machen könnte? Das wäre nicht der verkehrteste Gedanke. Doch auch das müssen wir selber deuten. Mir persönlich fiele da einiges ein, wo ich den Eindruck habe, dass wir so nicht weiter machen können, allen voran, dass unsere Staaten nur funktionieren, wenn es ständiges Wirtschaftswachstum und mehr Konsum gibt. Denn das würde für alle bald 8 Milliarden Menschen niemals gehen, so viele Ressourcen hat dieser Planet nicht.

Es ist schon erstaunlich, wie ein Virus unser ganzes System ins Wanken bringt. Ich persönlich möchte nicht von einer Strafe Gottes reden, aber ein: »Halt, denk mal nach, bevor es zu spät ist!«, das könnte Corona schon sein. Dann wäre es keine Strafe, sonder eine Chance, freilich nur für die Überlebenden. Das wäre das Zynische an dieser Überlegung. Andererseits haben wir das öfters, dass einige die Suppe einbrocken und die Mehrheit muss sie (mit) auslöffeln. Wir Menschen leben nun einmal in einer Verantwortungsgemeinschaft. 

Also, Corona eine Strafe Gottes? Ich könnte das nicht sagen. Eine Warnung, eine Mahnung? Wenn wir uns das wirklich zu Herzen nähmen, dann wäre es sicher nicht verkehrt. Da spielt es auch keine Rolle, ob jemand denkt, das schickt uns Gott oder »die Evolution«. Hauptsache erst einmal, wir ändern etwas, und zwar so, dass alle etwas zum Leben haben.


Montag, 30. März 2020

Vergesst es nicht!

Ein Gastbeitrag von Schuldekan Dirk Boch, Staufen

Einmal wird diese Corona-Krise vorbei sein...

Vergesst dann nicht 

  • wie lange wir uns "getröstet" haben: "das ist weit weg von uns und kann uns nicht treffen..."
  • wie fern uns anfangs Italien schien - "wir sind vorbereitet - bei uns wird es nicht so schlimm"
  • wie sehr uns der Ausschluss von Fans bei Fußballspielen und später die Spielabsagen getroffen haben - als ob das die wichtigsten Probleme wären
  • wie sehr wir uns nun sorgen, dass selbst die drastischen Maßnahmen nicht helfen werden 

Vergesst das nicht, wenn die Krise vorüber ist...

... denn die große Krise - die unseres Klimas - geht nicht vorüber,

  • wenn wir die fernen Vorboten übersehen
  • wenn wir erst handeln, wenn wir die verheerenden Folgen am Leibe spüren

Denn dann ist es unumkehrbar zu spät - für uns alle und unsere Kinder & Enkel...

Darum erinnern wir uns, wenn die Krise vorüber ist

  • an die Solidarität und Menschlichkeit, die an so vielen Orten aufbricht und lebt! Danke!
  • an die Möglichkeiten moderner Technik für Kommunikation und Begegnung ohne Auto- oder Flugreisen
  • an die Bedeutung so vieler Berufe, die unter uns und von uns gering geachtet und bezahlt werden

Ja, wir werden Fluggesellschaften retten - auch wenn wir sie hoffentlich nicht mehr so dringend brauchen werden. 

Und vielleicht machen wir ja noch ganz andere Entdeckungen, die es zu erinnern gilt.

Bis dahin: lasst uns zusammenhalten - auch wenn wir uns nur auf Distanz begegnen. 

Gott segne euch - sein Segen überwindet Distanz!

Er trägt durch Krisen. Vergesst es nicht!

Dirk Boch

Sonntag, 29. März 2020 (»Judica«) 

Judica 2020.pdf (440.34KB)
Judica 2020.pdf (440.34KB)




Samstag, 28. März 2020

Gottvertrauen - ein tröstlicher Gastbeitrag von Diakonin Rebekka Tetzlaff

Im Religionsunterricht habe ich kürzlich die Geschichte von Punchinello vorgelesen. Einer Holzpuppe, die im Holzpuppenland lauter graue Klebe-Punkte bekommt, weil sie immer doofe Sachen macht und die anderen sie deshalb blöd finden. Er würde gerne gelbe Klebe-Sterne bekommen aber die sind nur für gute Holzpuppen. Eigentlich eine traurige Geschichte, bis Punchinello das Holzmädchen Lucia trifft. Lucia hat keine Punkte. Und keine Sterne. Die Aufkleber haften einfach nicht an ihr. Punchinello möchte wissen wie das geht und so schickt sie ihn zu dem Holzschnitzer Eli, der in seiner Werkstatt auf dem Berg lebt. Dieser begrüßt Puncinello und freut sich über seinen Besuch, das hat die kleine Holzpuppe noch nie erlebt. Aber Eli sagt: Natürlich freue ich mich dich zu sehen! Ich habe dich gemacht und ich mache keine Fehler.

Da meldet sich ganz unaufgefordert eine Erstklässlerin und sagt: »Das ist wie bei mir. Ich mach auch manchmal was falsch, dann sagen die anderen, dass das doof war und sie loben mich, wenn ich was schaffe aber Gott liebt mich immer.«

Mein Ziel für diese unbeständige Zeit? So ein unerschütterliches Gottvertrauen, wie dieses Mädchen.


Freitag, den 27. März 2020

Schon alles bedacht? 

Es ist ein gewaltiges Durcheinander. Kleine Betriebe werden sich nur langsam erholen. Gastronomie und das Hotelgewerbe in manchen Fällen vielleicht gar nicht. Der Gesundheitsminister orakelt schon den zweiten Tag, dies sei nur die Ruhe vor dem Sturm. 

Und wie wird es mit den Kirchen weitergehen? Ich mache mal das, was an der Börse so viel Geld bringen kann: Ich spekuliere mit etwas, das ich gar nicht habe. Dort sind das Aktien und bei mir ist es das Wissen, was kommt. Ich wette darauf, dass die Kirchen sich nicht wieder füllen werden. Mal sehen, wie es ausgeht. 

»Nur« wegen Corona sollten sich die Kirchen auch nicht füllen. Dann wäre Angst unser Geschäftsmodell. Und Angst ist, wie man an der Börse sagt, ein sehr volatiles (=flüchtiges) Geschäft. Wir als Kirche sollten nicht mit der Angst der Menschen handeln. Denn Angst haben Menschen schon genug. Manche sogar davor, krank zu werden. Einige, die sonst zuverlässig die Arztpraxen füllen, trauen sich das gar nicht mehr. 

Auch die Verschwörungstheorien haben Konjunktur. »Da wollen welche unsere Wirtschaft kaputt machen!«, heisst es. Manche verdienen richtig gut Geld mit der Krise. Nicht nur die Atemmaskenhändler und -schieber. Auch die Hegdefonds sind wieder da. Schlanke 2,6 Milliarden Dollar will da einer mit seiner Wette auf fallende Börsenkurse verdient haben. Ich mag so was gar nicht kommentieren, auch nicht die Tatsache, dass das immer noch erlaubt ist. 

Da fällt mir der gute William Butler Yeates ein. Manchmal scheint er ganz gut den Untergangsprofeten zu geben. In seinem Gedicht »Das zweite Kommen« heisst es unter anderem: 

Drehend und drehend in immer weiteren Kreisen

Hört der Falke seinen Falkner nicht; 

Alles zerfällt, die Mitte hält nicht mehr;
Und losgelassen nackte Anarchie,
Und losgelassen blutgetrübte Flut, und überall
ertränkt das strenge Spiel der Unschuld;
Die Besten haben keine Meinung mehr, die Schlimmsten
Sind von Kraft der Leidenschaft erfüllt.

Da kann es einen gruseln. Im Wochenlied für die kommende Woche finden sich passende Worte:
Denn die Erde jagt uns (!) auf den Abgrund zu. Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du? Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus (!) den Toten, lass uns auferstehn (Evang. Gesangbuch 97,5).

Wieso eigentlich »aus«? Und ob am Ende jeder Spekulant doch bekommt, was er (sie?) verdient? Immerhin gibt es nach Robert Musil »Spekulationen … à la baisse und à la hausse« (Mann ohne Eigenschaften, 1. Buch). 


Donnerstag, den 26. März 2020

Der Wochenpsalm ab dem kommenden Sonntag:

Schaffe mir Recht, Gott / und führe meine Sache wider das treulose Volk… (Psalm 43,1)

Das musst du tun, Gott, denn sonst bin ich es, der richtet. Wie soll ich mich denn sonst gegen die anderen wehren? Wenn ich den Eindruck habe, ich kann mich nicht mehr durchsetzen, dann kann ich auch austeilen. Dann breche ich den Stab über den anderen. Über die, die noch immer wie die Bescheuerten Klopapier horten. Schwachmaten. Wollen die sich denn jeden Tag drin einwickeln? Als Virenschutz? Schade, das Klopapier nicht schimmelt. Das hätten sie dann davon. Oder sie sollen den Büchsenöffner nicht finden, wenn sie die gehorteten Dosen mit Pichelsteiner öffnen wollen. Und backen sollen sie auch nicht können, weil die gehamsterte Hefe längst vertrocknet ist … Ja, da kann ich mich richtig reinsteigern, so ganz ohne das professionelle Verständnis der Psychologen endlich mal austeilen. Lassen wir es lieber. 

Ich will nicht richten und über anderen den Stab brechen. Schaffe du mir Recht, Gott, richte du mich. Bevor ich zu Furie werde. Ja, so ist es wohl, in den Krisen zeigt sich ganz offen, wer wir sind. Oder: Jeder entstellt sich bis zu Kenntlichkeit. 

Da bleibt mir nur noch: Gott bewahre - mich und die anderen vor mir. Damit sie nicht wegen mir die Security rufen müssen, wenn nur 20 in den Laden dürfen und ich bin - verflixt noch mal - der 21. 

Sende dein Licht und deine Wahrheit 

O ja - ich mach mal den Krisenratschlagsonkel. Wer sich gar nicht mehr zu helfen weiss, der schaue bei youtube nach oder besser noch, kaufe sich die CD mit Mendesssohns Vertonung des Psalm 43. Ja, ich weiss, die Musik klingt überhaupt nicht nach Schlager, Hip Hop oder Hard Rock. Aber vielleicht lässt mich die Krise auch mal etwas ertragen, das »gar nicht meins ist«. Da könnte nicht nur dem gepflegten evangelischen Bildungsbürger ein Licht aufgehen, bei dieser Musik. Was Sie also tun könnten, in dieser tatsächlichen und in der medial befeuerten Krise: 

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott…

Oder, wieder für die digital natives: 

Warum bist du so aufgewühlt? Halte doch Ausschau nach Gott!


Mittwoch, den 25. März 2020

Schmerz

Warum syt dir so truurig?

Warum seid ihr so traurig?

Nei, dir wüsset ke Grund

Nein, ihr habt keinen Grund dazu.

Vilicht, wenn der e Grund hättet

Vielleicht, wenn ihr einen Grund hättet, 

Wäret der weniger truurig

wärt ihr weniger traurig.

Mänge, wenn ds Läben ihm wehtuet

Mancher, wenn ihm das Leben weh tut, 

Bsinnt sech derdür wider dra.

erinnert sich so wieder daran. 


Tatsächlich wendet sich das Lied Manni Matters an Menschen in einem gewissen Wohlstand, also an uns, wir werden gefragt, ob wir noch merken, wie wir aussehen: traurig, obwohl wir genug haben. Jetzt aber haben wir einen Grund, traurig zu sein: Manche, weil sie wirklich erkrankt sind, andere, weil sie Angst davor haben, viel zu viele, weil sie zu ersten Mal so etwas wie Existenzangst haben, oft wirklich berechtigt. 

Jetzt tut uns das Leben weh, auch wenn wir einen Vergleich mit denen in den Lagern nicht ziehen wollen, hoffentlich. Es ist ein unbekanntes Gefühl, vielleicht sogar wirklich das Ende eines in der Summe sorgenfreien Zeitalters.  

Also was? Besinnen wir uns? Da müsste man erst mal etwas haben, auf das wir uns besinnen könnten. Etwas, das wir vor jahren abgetan haben als überholt, lächerlich, aufgezwungen. Viele werden suchen und feststellen, dass sie da gar nichts haben. Das merkt man an ihrem Verhalten. Bis gestern hat das IOC gebraucht, um die Olympiade zu verschieben. Eine Schande? Ach, ich weiss nicht so recht, es ging ja ums Geld, um viel Geld sogar. Warum sollte ausgerechnet das IOC es nicht mit einem der gewieftesten pseudoreligiösen Kapitalisten halten (in den USA ist seine Organisation sogar eine »Kirche«) und seinen Satz: »Make money, make money, make more money.« Wir sind doch alle nur Kinder unserer Zeit?!

Also was? Nehmen wir uns einen Tag Zeit um dem nachzutrauern, was wir vielleicht nie hatten? Nehmen wir uns etwas Zeit um zu überlegen, auf was wir nachhaltig reagieren? Auf Freude? Auf Lust? Auf Schmerz? Hoffentlich sind wir doch nicht ganz die, die alles auf das so tragfähige Fundament des Sandes gebaut haben. Sand ist fast so tragfähig wie Fels, solange kein Wasser im Spiel ist. 

»Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stiessen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war gross« (Mt. 7,27). Ist das nun ein religiöses Problem und darum für viele vernachlässigbar, oder ist es doch ein statisches?


Dienstag, den 24. März 2020

Die Natur, die Evolution und das genius epidemicus 

»… andererseits weiss man nicht, warum die Natur, die Evolution, immer wieder ein genius epidemicus schickt, um etwas in Ordnung zu bringen in der Biologie der Menschen und der Tiere … warum und woher weiss niemand, aber da gibt es irgend einen genius, den wir noch nicht verstehen, der die Menschheit korrigieren will. 

Dr. med. Andres Bircher, CH 

Klingt irgendwie danach, als ob da ein verzweifelter Kirchenmensch darauf hofft, die Korona-Epidemie möge seine und alle anderen Kirchen wieder füllen. Gemach, hier spricht ein Arzt aus der Schweiz, kein Pfarrer, und er nennt als Ursache die »Natur« und »die Evolution«. Das hat mich überrascht. Anscheinend vermutet er in der Evolution irgendwelche ordnenden Kräfte. Gut, das war von Anfang an so, Darwin nannte das ordnende Prinzip »survival of the fittest« , also die Lebensform, die sich am besten anpassen kann, wird überleben. 

Und nun? Müssen wir uns an diese und vielleicht noch kommende Epidemien anpassen, um zu überleben? Und was muss angepasst werden? Bircher meint, als die Promiskuität überhand nahm, sei z.B. Das AIDS-Virus gekommen, um (was?) zu reparieren? Geht es mit Korona nun gegen unsere grosse Reiselust und auch gegen die Globalisierung? Er lässt das offen und ich weiss das auch nicht. 

Ich weiss nur, wenn das einer von der Kirche gesagt hätte, wäre der Aufschrei gross und was man sich dabei denke? 

Ich will nicht über Strafen Gottes spekulieren, der Gedanke wurde schon zu oft missbraucht, ich kann auch nichts zu inneren Prinzipien der Evolution sagen. 

Vielleicht machen Sie sich Ihre eigenen Gedanken. Vielleicht bleiben Sie auch ein wenig in der Nachdenklichkeit. Denn es gibt einen nachdenklichen Satz Jesu, der mir nicht aus dem Kopf will (Sie entschuldigen, ich kann mir die altertümlichen Konjunktive einfach nicht verkneifen): Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme an seiner Seele Schaden? (Markus 8,36)

Geht auch auf »Altenglisch«: For what doth it profit a man, to gain the whole world, and forfeit his life?

Oder noch mal modern, für die digital natives: Was nützt es dem Menschen, wenn er alles gewinnt, was diese Welt zu bieten hat, dabei aber seelisch zu Grunde geht (nach Fred Ritzhaupt). 

Die Presse meldet indes, dass Händler für Atemschutzmasken u.a. den 5 - 10 fachen Preis verlangen. Hedgefonds Manager wetten (Aktioneleerverkäufe) mit Milliarden Dollar auf fallende Börsenkurse und Firmenpleiten durch die Koronakrise.


Montag, 23. März 2020

Da waren’s nur noch zwei

Das ist nicht die Apokalypse, sagte irgend ein Virologe in einem Interview. Aber ein wenig so fühlen wird man sich ja wohl dürfen? Und ein wenig so verhalten auch?, werden manche fragen. Und wieder andere denken, sie kommt vielleicht doch, die Apokalypse, wenn wir schon nur noch zu zweit hinausdürfen, muss es ernst sein, sehr ernst. Aber wenn sie doch kommt, dann muss ich ja nicht mehr vernünftig sein, oder?

Wie sagte doch der Bub zum »Aetti«, in Hebels Gedicht »Die Vergänglichkeit«?
Fast allmol, Aetti, wenn mer’s Röttler SChloß 
so for Auge stoht, se denk i dra, 
öbs üsem Hus echt au emol so goht. 
Stohts denn nit dört, so schudrig, wie der Tod
im Basler Todtetanz? Es gruset mer, 
wie länger aßi’s bschau.

Darauf der Aetti:
Du gute Burst, ’s cha frili sy, was meinsch?
’s chunnt alles iung und neu, und alles schlicht
im Alter zu, und alles nimmt en End,
und nüt stoht still…

Er weiss ja: »…und woni gang, … i gang im Chilchhof zu…«
Das wissen wir auch, wollen’s freilich nicht immer wissen. Aber wenn das gewohnte Leben aus dem Vollen gestört, empfindlich gestört wird? Dann verfallen die einen in Panik, wer will es ihnen verdenken, die anderen erst recht in Unvernunft, nur, was mache ich?
Sollen wir noch mal Hebel hören? In seinem Gedicht »der Käfer« schreibt er:
Druf fliegt er zu si’m Schätzli heim, 
’s wohnt in der nöchste Haselhurst.
Es balgt (macht ihm Vorwürfe) und seit: »Wo blibsch so lang?«
Er seit: »Was chani für mi Durst?«

Iez stoht er uf, er nimmts in Arm, 
er chüßts, un isch bym Schätzli froh. 
Druf leit er si in Todtebett;
und seit zum Schätzli: »Chumm bal no!«


Viel dichter kann man das Leben kaum beschreiben. Jetzt kann man’s auch verstehen, wo unser Leben seltsam langsam und doch dicht wird. Es bleibt, eins nach dem andern zu leben, in »Mäßigkeit mit stillem Sinn in Pflicht und Recht«, meint Hebel im »Wegweiser«. Ob er recht hat?

Sonntag, den 22. März 2020

Predigt zum Sonntag Laetare - 3. Teil der Predigtreihe »Das soll ich glauben?« 

Predigt der Teile des Glaubensbekenntnisses und auch seiner »Lücken«





Samstag, 21. März 2020: We didn’t start the fire 

»Schools close, Tom Hanks, trouble in the big banks, no vaccine, quarantine, no more toilet paper seen. Travel ban, Weinstein, panic COVID-19, NBA, gone away, what else do I have to say.«

We didn’t start the fire... (Wir haben das Feuer nicht entfacht). Über 30 Jahre ist das Lied Billy Joels alt. Ein subjektiver Rückblick auf die ersten 40 Jahre seines Lebens, entstanden in Auseinandersetzung mit einem 20 jährigen, der meinte, er lebe wirklich in schlimmen Zeiten, und als Joel so alt gewesen wäre wie er, sei doch nichts Vergleichbares los gewesen, schon gar nichts Schlimmes. 

Jetzt hat jemand eine neue Strofe gedichtet, das Leben in den Zeiten des Corona-Virus, man versteht es auch mit wenig Englischkenntnissen. 

Eine Strofe Joels hört mit der Frage auf: »Was müsste ich sonst noch sagen?« Eine gute Frage, denke ich mir. Sie gilt für jeden. Was hast du noch zu sagen? Was da wohl käme? 

  • Interessiert mich nicht! 
  • Was geht‘s mich an? 
  • Ich mache, was ich will und lasse mir nichts vorschreiben! 
  • Ich habe Angst! 
  • Wir brauchen Vorräte! 
  • Ich will vernünftig sein und mich an die Vorschriften halten! 
  • Mir gehts‘ noch gut. 

»Wir haben das Feuer nicht entfacht!« Denn das waren die ... (setzen hier die Namen Ihrer persönlichen Verschwörungstheorie ein: Chinesen, Amerikaner, Deutsche, die…) 

Wenn irgendwann das Gehirn wieder funktioniert, dann könnten wir als Kirche vielleicht auch was sagen, das über Sätze wie »Kirche begleitet« und »Ganz nah bei den Menschen« hinausgeht. Oder, besser noch, wir lassen es uns sagen: »Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.«:

  • Weil ihr nicht mehr aus dem Haus sollt, 
  • weil ihr euch nicht mehr mit jemanden treffen sollt, 
  • weil ihr davon gar nichts hören wollt, was aber unmöglich ist,
  • weil ihr das alles nicht versteht, 
  • weil ihr nur leben wollt, aber es nicht mehr könnt, wie gewohnt, 
  • weil ihr Verantwortung tragt, die immer schwerer wird, 
  • weil euch die besserwissenden Frager nerven, 
  • oder die, die sich unvernünftig benehmen…

Und dann sagt einer: »Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid… 

Wie? Hat der gar keine Ahnung?
Und er: »Komm«, sagt er, »erzähl’s mir.«


Freitag, 20. März 2020

»Korn das in die Erde, in den Tode versinkt…« 
Das Wochenlied (Gesangbuch Nr. 98)

»Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün« heisst es in Jürgen Henky’s Nachdichtung des englischen Liedes »Now the green blade rises«.
Was das Besondere am wachsenden Weizen ist, wissen Menschen schon lange (ausser denen, die glauben, das Mehl wächst im Supermarktlager). Der gute, alte Paul Gerhard (gest. 1776) hat das beschrieben: »Der Weizen wächset mit Gewalt…« (Gesangbuch Nr. 503,7).
Auch die Nicht-Landwirt*Innen können das nachvollziehen, indem sie z.B. Spriessweizen in einer Schale nachziehen. Man kann fast beim Wachsen zusehen, so schnell geht das.

Zur Zeit wächst aber etwas ganz anderes: Angst, Sorgen und Misstrauen. Es wächst die Wut, dass man nicht als erster und sofort getestet wird. Ob auch die Unvernunft wächst, weiss ich nicht, vielleicht ist sie nur so gross wie immer, also werden sogenannte Corona- und andere Parties gefeiert. Sollte man da nicht Mitleid haben? Was sollen die Leute denn mit ihrer Freizeit sonst machen? Etwa die Grünschnittsammelstellen überlasten, wie dieser Tage auch schon geschehen? Ein Psychologe im Fernsehen kann es erklären: Die Menschen könnten ihr Verhalten nicht einfach innerhalb von 14 Tagen umstellen. Aha.
Ebenfalls wachsen, parallel dazu, die Verbote, die uns schützen sollen. Richtig, wir können ja nicht einfach innerhalb von 14 Tagen…

»Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün« - das erinnert mich daran, dass wir das nicht machen können. Wir können düngen und giessen, aber nicht nicht dem Korn befehlen: »Wachse! Wachs’ schneller!« Was wir können ist, aussäen. Liebe wächst wie Weizen? Also säen wir sie aus. Schaffen, wo möglich, Bedingungen, in denen sie wachsen kann. Wir wir das machen sollen? Aber das wissen wir doch.
Wachsen lässt’s ein anderer. Unser Dichter Jürgen Henkys benutzt ein Bild, um die Antwort zu geben: »Hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien, Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.« Wie bitte? Dritter Tag? Was soll die kryptische Sprache? Aber da war doch mal was: Jesus, Hinrichtung, Auferstehung.




Donnerstag, 19. März 2020

Der »Wochenspsalm« ( = Psalm 85)

Was hat das alte Zeug aus der Bibel mit mir zu tun? Das ist doch eine längst vergangene Welt… so denken viele. Und nun können wir unserer Kirche nicht mehr wie gedacht nutzen, das ist eine einschneidende Erfahrung (auch wenn das nur eine geringe Zahl wirklich tut). Lesen Sie vor dem Hintergrund der Schutzmassnahmen (und derer, die vielleicht noch kommen!) diesen Psalm. Plötzlich holen uns die alten Worte ein, wie in Vers 6, »Sie gehen schon in Gedanken auf Pilgerreise zu deinem Haus«. Das ist das, was uns im Augenblick noch bleibt. Keine alte Vergangenheit mehr, sondern neue Wirklichkeit.

Nun heisst es wieder oft, dass die Welt »nach Corona« nicht mehr sein wird, wie vorher. Ich habe da meine Zweifel, denn das menschliche Gedächtnis ist kurz (manchmal ist das auch ganz hilfreich). Bei all den Veränderungen ist es indes tröstlich, dass Gott für uns ein »offenes Ohr« hat. Und wir beten so lange nicht mehr für den König, sondern für die Kanzlerin und für unseren »Kretsche«. Gott möge ihnen freundlich begegnen.


2 Wie lieb sind mir deine Wohnungen, du Herr der himmlischen Heere.

3 Ich war voller Sehnsucht,ein einziger Wunsch brannte in meiner Seele:
Ich möchte so gerne beim Herrn sein – in den Höfen, die seinen Tempel umgeben.
Festfreude erwärmt mir Herz und Leib. Ich bringe sie vor den lebendigen Gott.
4 Auch der Sperling hat ein Zuhause gefunden, und die Schwalbe fand ein geeignetes Nest.
Dort hat sie ihre Jungen sicher untergebracht.
Solchen Schutz bieten auch deine Altäre, du Herr der himmlischen Heere,
mein König und mein Gott.
5 Glücklich ist, wer in deinem Haus wohnt. Dafür sollen sie dich immerzu loben!
6 Wie glücklich sind die Menschen, die einen sicheren Platz bei dir finden.
Sie gehen schon in Gedankenauf Pilgerreise zu deinem Haus.
7 Und müssen sie durch ein dürres Tal, stellen sie sich eine Quelle vor Augen.
Segensreich füllt Frühregen den Teich.
8 
So wandern sie dahin mit wachsender Kraft, bis ihnen Gott auf dem Zion erscheint.

9 Du Herr, Gott der himmlischen Heere:Höre doch meine sehnsuchtsvolle Bitte!
Hab ein offenes Ohr, Gott Jakobs! 
10 Bewahre den König, Gott, er ist unser Schild! Begegne ihm freundlich, du hast ihn gesalbt!
11 »Einen Tag in deinen Höfen zu verbringen, ist besser als tausend Tage nach meiner Wahl.«
»Im Haus meines Gottes auf der Schwelle zu stehen, ist besser als im Zelt der Bosheit zu sitzen.«…


Mittwoch, 18. März 2020

Der kommende Sonntag trägt den Namen »Laetare«, er nimmt einen Satz des dritten Jesaja auf (Kapitel 66,10):

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

So einen Satz kann man sich auch ausleihen und auf das eigene Leben anwenden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass uns diese Zeiten verunsichern, keiner weiss, was noch kommt, ob er oder sie sich anstecken und dann wieder gesund werden wird. Viele nützen das auch aus und setzen jeden Blödsinn ins Internet, der z.T. sogar gefährlich ist. Lassen Sie sich am besten gar nicht auf so etwas ein. 

Halten Sie sich lieber erst einmal an das, was Sie wissen: Dass es an dem Ort, an dem Sie leben, Menschen gibt, mit denen Sie sich verstehen und die des gut mit Ihnen meinen. Das wäre z.B. ein Grund zur Freude, auch in unsicheren Zeiten. Der dritte Jesaja hat dafür ein sehr deutliches Bild, das manchen vielleicht auch ein wenig peinlich sein dürfte: Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

Ja, so deutlich sagt er es wirklich und spricht damit ganz alte, oft nur noch unbewusste Erfahrungen in uns an. Manchmal sind wir auch als Erwachsene wieder wie Kinder, vielleicht auch so ratlos und erwartungsvoll, dass jemand es für uns richtet. Das will Gott sogar tun, nur halt anders, als viele es denken. Es ist kein »rundum-sorglos-Paket«, sondern das Angebot, uns zu dabei zu helfen, unseren Platz im Leben auszufüllen. Welcher das ist? Nun, das wäre vielleicht der erste Anlass, um ein wenig über unser Leben nachzudenken.