Evangelische Kirche
im oberen Wiesental

Hier finden Sie jeden Tag Anregungen zum Nachdenken - solange wir keine kirchlichen Veranstaltungen durchführen dürfen. 

Jeden Abend um  um 19.30 Uhr werden wir unsere Kirche in Zell für eine halbe Stunde öffnen, damit Menschen einen Platz zum Beten haben (bitte halten Sie sich an die üblichen Umgangsregeln in der »Corona-Zeit«). Falls es Ausgangssperren gibt, wird das nicht mehr möglich sein.

Am Karfreitag und Ostersonntag ist die Kirche um 10.00 Uhr zum Gebet geöffnet, nicht um 19.30 Uhr. Predigten liegen am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag aus. 

Am Samstag Abend (19.30 Uhr) wird die Predigt für den Sonntag zum Mitnehmen ausgelegt. Und wir läuten am Sonntag zur Gottesdienstzeit. So kann jeder zu Hause mitfeiern. 

Mittwoch, 08.04.2020

Wie tief...

                ...die Angst...

Da können Sie beliebige Fortsetzungen bilden. Wenn man einer Zeitung, von der man hier nicht mehr wissen muss, als dass sie mit »Z« anfängt und mit »eit« endet, glauben darf, dann wurde eine Intensivpflegerin, die Corona-Patienten betreut, nach der Beschwerde einer anderen Kundin durch den Sicherheitsdienst aus einem Supermarkt geschafft. Die anderen Bewohner ihres Dorfes grüssen sie kaum noch und machen einen grossen Bogen um sie. Das wäre so ganz anders als das Lob, das die Regierenden in diesen Tagen an diese Personengruppe so gerne verteilen.

Nun, wie würden Sie den Satz in der Überschrift fortführen? Im ersten Augenblick schiesst mir durch‘s Hirn: Wie tief kann der Mensch noch sinken? Und boshaft denke ich mir: Wer so etwas tut, ja, Ihr, Ihr werdet alle nicht gepflegt, wenn‘s Euch erwischen sollte. Genau!

Aber nein, jetzt bin ich ungefähr auf dem Niveau wie eine gut erfunden Fussballanekdote, wo die Fans den Schiedsrichter, nach einem - natürlich völlig unberechtigten - Elfmeter angeifern: »Ey, Schiri, wir wissen, wo dein Haus wohnt…«

Dann lieber noch einmal: Wie tief kann die Angst noch werden? Besser so?

Bei allem Ärger, wenn ich auf die »…« anderer herunterschaue, sinke ich gleich mit in die Tiefe. Ich muss an den Werbetrailer einer (völlig sinnfreien / unsinnigen / schwachsinnigen... ach, suchen Sie sich was aus) Fernsehsendung denken, in dem ein Teilnehmer (selbstironisch?) sagt: »Diese Sendung bringt das Schlechteste in uns zum Vorschein.« Macht das Corona mit uns auch? 

Ich fürchte, dass das schon geschehen könnte oder  schon geschehen ist. Und muss gestehen, dass ich kein Mittel dagegen weiss, weder gegen die Tiefe der Angst noch gegen das tiefe Sinken. Ich kann nicht mal raten: Menschlich bleiben! Denn zum Menschsein gehört so ein Verhalten leider auch. 

In der Vertreibung aus dem Paradies heisst es, sie werden künftig »im Schweisse ihres Angsichts« ihr Brot essen. Ich fürchte, nicht nur das ist für die grosse Mehrheit der Menschen wahr geworden, sondern auch das, dass wir mit der Begrenztheit unseres Mitgefühls und unseres Verstandes leben müssen. 

Was machen wir da? Die Schwaben haben’s leicht, die haben für so was ein Gebet, das ein wenig überheblich klingt: »Herr, schmeiss Hirn raa!« Muss ich nicht übersetzen, oder?

Und was machen die Nichtschwaben? Ich halte mich an die Bergpredigt: »Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen« (Mt.5,7). O Gott, lass mich barmherzig sein, und andere auch mit mir, ich will nicht, dass das Regal mit der Barmherzigkeit und das mit meinem Verstand in mir aussehen, wie das mit dem Toilettenpapier im Supermarkt.


Dienstag, 07. April 2020

Sorgen 

In den beiden Anleitungen zum Beten folgen wir einer Tradition der reformierten Kirche Schottlands.

Wenn Sie Sorgen haben oder aufgewühlt sind: Denken Sie daran, dass Jesus Christus versprochen hat »Ich bin bei Dir alle Tage« und sprechen Sie: 

Ich bin verzweifelt, Gott, und verzagt, 

weil …

Wenn ich nicht mehr weiss, wie es weitergehen soll,
hilf mir, Dir trotzdem zu vertrauen,

wenn ich nichts mehr verstehe, auch Dich nicht,
dann legen Glauben in mich, 

wenn alles nur noch dunkel erscheint,
dann lass etwas von Deinem Licht
in mein Herz scheinen. 


Wenn Sie jemand kennen, dem Ihr Gebet gut tun würde: Denken Sie daran, dass Gott zuhört - dass er vielleicht gerade Sie gebrauchen will, um seine Liebe weiterzugeben - und sprechen Sie: 

Deiner Liebe und Fürsorge, Gott, 

befehle ich alle, die mir nahe sind, 

besonders …

Nimm dich um jedes verletzte Herz an,
um jedes Haus, in dem Sorgen herrschen, 

sei bei allen, die leiden und traurig sind

und schenke ihnen Deinen Frieden
und Deine Ruhe, besonders …

Darum bitte ich Dich
durch Jesus Christus, unseren Herrn.


Montag, 06. April 2020

Pandämie, ein Weckruf? So heisst es in den Nachrichten. 

30 Minuten Nachrichten, ein Thema: Das Corona-Virus und die Folgen. Mann spürt die Verunsicherung in jeder Schlagzeile. Das Handwerk befürchtet Pleiten, die Industrie auch, das gebeutelte Gastgewerbe ohnehin. Der Staat plant zusätzliche Hilfen für den Mittelstand. Mittelstand? Klar, das sind die, die sonst nie was bekommen vom Staat. Man befürchtet, dass die staatlichen Hilfen aber zu spät kommen werden, da alles von den Hausbanken ausgebremst werde. Einige europäische Länder rufen nach Solidarität der Anderen. Man bräuchte ein Rettungsschirm von 1000 Milliarde Euro. Ja, 1.000.000.000.000 Euro. Da müssten ganze Altersheime lange dafür stricken, eine alte Frau reicht da wirklich nicht mehr. Ein Staat bezichtigt den anderen, ihm die bestellten Schutzmasken abgezweigt zu haben. Ein Akt der Piraterie! 

So könnte ich weiterschreiben, seitenlang, denn inzwischen machen alle mit, beim Schreiben über Sorgen, Bedenken, Befürchtungen und Spekulationen über die Zukunft. Nicht nur die Zeitung mit den vier grossen Buchstaben aus Berlin, sondern auch der Ableger für die Intellektuellen (ja, mit sieben Buchstaben und aus Hamburg).

Ein Kabarettist sorgt sich, dass die Entscheidungsträger nicht etwas tun, weil sie von dessen Richtigkeit überzeugt seien, sondern irgend etwas, damit niemand sagen könne, es sei nichts geschehen. 

Was soll ich dazu sagen? Ich weiss es auch nicht besser. Ich leihe mir Worte Dietrich Bonhoeffers, der am 9. April seinen 75. Todestag hat, auf Führerbefehl ermordet, 21 Tage, bevor dieser in »Ausübung seiner Pflichten« um Leben gekommen sei, wie man auch so kurz vor dem Zusammenbruch noch den Suizid schönfärbte. Was waren das für Menschen, die auch so kurz vor dem absehbaren Ende noch an den »Endsieg« glaubten? 

Dem, und unserer Verunsicherung, seien diese biografischen Verse Bonhoeffers gegenübergestellt:

Tat

Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,

nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,

nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.

Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,

nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,

und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.

Nur vom Glauben getragen... ich lasse mir das sagen, weil es Worte eines Menschen sind, der weiss, dass er nicht mehr lebend aus dem Gefängnis herauskommen wird. 

Darüber, wie dieser Glaube »geht«, entfaltet Paulus eine ganze Kette von Erfahrungen: 

Das Leid lehrt, standhaft zu bleiben. Die Standhaftigkeit lehrt, sich zu bewähren. Die Bewährung lehrt, zu hoffen. Aber die Hoffnung macht uns nicht zum Gespött (aus dem Römerbrief, Kapitel 8). 

Na, klingelt‘s bei Ihnen? Der Weckruf! Nein? Macht nichts, nach dem Aufwachen sind alle ein wenig verpeilt (bis auf diese Frühaufsteher, die so unverschämt wach aus dem Bett springen).

Aber wenn wir uns berappelt haben, dann entscheiden auch wir, was es auszuhalten gilt und wo es besser ist, etwas zu tun.


Sonntag, 05. April 2020

Predigtreihe über das Glaubensbekenntnis




Samstag, den 04. April 2020

Shabby chic

Bewahren Sie gerne alte Sachen auf? Wer weiss, man könnte sie ja noch einmal brauchen! Also, kommen Sie mit, ich zeige Ihnen etwas. Wir machen eine kleine »archäologische« Reise, in das, was manche ihre Rumpelkammer nennen. Ich habe da was gefunden, von dem die meisten gar nicht wussten, dass es noch da ist. Ich meine eines der Lieder aus dem Gesangbuch für die kommende Woche. Irgendwo in Ihrem Bücherregal steht es, vielleicht in der zweiten Reihe, dieses Gesangbuch. Manche haben es nur noch, weil Momox es nicht nimmt. Darin stehen viele »alte Schätzchen«. Eine Probe gefällig? 

»Dein König kommt in niedern Hüllen, ihn trägt der lastbarn Es’lin Füllen… Trag ihm entgegen Friedenspalmen, bestreu den Weg mit grünen Halmen, so ist’s dem Herren angenehm« (Evang. Gesangbuch Nr. 14). 

Ich bin mir sicher, die Mehrheit unserer Bevölkerung hätte nicht einmal so weit freiwillig gelesen. Manche hätten sich ratlos am Ohr gekratzt und gedacht: „Äh, wie bitte?“ andere fragen sich, was das für ein Quatsch sei? 

Ich übersetzte mal: Es kommt ein »König«, damit ist einer gemeint, der etwas kann und der es gut mit uns meint. Kein Diktator, keiner, der eine Krise dazu benutzt, das eigene Parlament, die Bürgermeister und am besten noch die Gerichte auszuhebeln. Er kommt nicht in Gucci-Klamotten (Verzeihung, Herr Armani oder Herr Boss), er fährt nicht in der gepanzerten Vorstands- oder Präsidentenlimo vor, sondern er sitzt in einer Rikscha, bestenfalls in einem Tuk-Tuk. Und alle, die ihn willkommen heissen wollen, sollen das mit Friedenspalmen tun. Das ist doch mal ein Alternativprogramm. 

Ist das nun echt, oder eine Show? Muss wohl echt sein, denn sogar der eigene Verein, ja, ich meine die Kirche, hat diese Bescheidenheit immer wieder mal vergessen, bis heute. Wir brauchen gar keine Lupe und keinen Archäologenpinsel, ein Bisschen pusten reicht, weg ist der Staub und unser Fund erzählt jedem von Bescheidenheit und Frieden. 

Machen Sie noch einen Augenblick mit? Dann nehmen wir uns das nächste Artefakt:

»O mächtger Herrscher ohne Heere, gewalt’ger Kämpfer ohne Speere, o Friedefürst von grosser Macht. Es wollen dir der Erde Herren den Weg zu deinem Thron versperren, doch du gewinnst ihn ohne Schlacht«.

Keine Waffen, keine Söldner, kein Geheimdienst, keine Finanzen in Milliardenhöhe, woher soll da die Macht kommen? Während wir uns noch wundern, haben es die Mächtigen aller Zeiten immer schnell verstanden: So ein verrückter Idealist, der stört. Aber der geht einfach seinen Weg weiter. Ohne Gewalt und Waffen, ausser der einen, dass er uns Menschen liebt und dass er bereit ist, für uns alles zu geben. 

Ist das veraltet? Wohl schon, aber das war es immer schon. Wenn es immer schon so war, dann ist es zeitlos. Vielleicht nehmen wir das doch wieder in unserem Leben auf? Ein Bisschen vintage, aber das ist doch wieder in. Oder shabby chic? Das wär doch mal was. 

Shabby chic, so werden wir bei wikipedia belehrt, »war ursprünglich eine Gegenbewegung zu der Neigung der oberen Mittelklasse, sich kostspielige Innenausstattung im viktorianischen Stil anzuschaffen«. Na, das passt doch. Wir erfahren auch noch, dass es zu Stil gehört, dazu »eine Mischung aus Erbstücken, Flohmarktkäufen und Selbstgemachtem sowie Möbel und Gegenstände mit sichtbaren Gebrauchsspuren zum Konzept gehören.« Ja, Sie sind doch auch einmal getauft worden, waren vielleicht im Kindergottesdienst, im Religionsunterricht, sind konfirmiert worden, vielleicht sogar getraut und haben ihre Kinder taufen lassen? Das ist lange her? Macht nichts, vielleicht wäre das ihr ganz persönlicher Zugang, nicht nur zu diesem Lied mit seinem sprachlichen shabby chic.


Freitag, den 03. April 2020

Das Wasser geht mir bis an die Kehle (Wochenpsalm = Ps. 69)

Nun sind wir schon in der dritten Woche mit Ausgangsbeschränkungen. Noch werden sie akzeptiert, inzwischen sind die Beschränkungen auch mit deutlichen Strafen bewehrt. Wie lange wird das noch dauern? Und wann ist es so weit, dass Menschen sie nicht mehr aushalten (wollen) und beginnen, sie zu hintertreiben? Da lernt sich mancher selbst noch einmal ganz neu kennen. Es macht mit jedem von uns etwas, wenn das Selbstverständliche nicht mehr selbstverständlich ist. Und dabei geht es noch gar nicht darum, ob später die ganzen Einschränkungen auch wirklich wieder aufgehoben werden… 

Einen Teil unserer Erfahrungen finden wir in den nun zu unverhoffter Aktualität kommenden Worten aus Psalm 69. Bei manchen Sätzen hat man den Eindruck, als ob sie gestern geschrieben worden wären. Es dürften viele sein, die das, was hier beschrieben wird, im übertragenen Sinn so erleben, dass ihnen »das Wasser« bis an die Kehle geht. Dass sie ihren Verwandten und Freunden »fremd werden«, weil man sich kaum noch sieht. 

Freilich stand damals kein Virus im Hintergrund, sonder das »Der Eifer um dein Haus hat mich gefressen…« O, da werden uns die alten Worte schon wieder fremd. Auch wenn es beim »Eifer um dein Haus« für uns um mehr als das Bauwerk Kirche geht. Da ereifern sich Menschen meistens nur noch, wenn eine Kirche entwidmet und dann verkauft oder abgerissen werden soll, also schon spät bis zu spät. 

Mit Gottes »Haus« ist für uns auch die Gemeinde gemeint und die Kirche als Gestalt des gelebten Glaubens. Da gibt es keinen fressenden Eifer, und wenn doch, ist er vielen eher verdächtig. Dass wir so radikal alles einer Sache unterordnen, das kennen wir - im Guten - am ehesten noch von der Zeit, als wir uns heftig verliebt hatten. Ob sie sich noch etwas aus dieser Zeit bewahrt haben, wenigstens als Erinnerung? Die Zeit, als der (hier säkularisierte) Satz Tersteegens wirklich war: »Ich fühls, du bist‘s dich muss ich haben« (EG 651,3)? Und manche denken: »Ach, wenn ich doch nur noch mal jung wäre!« Nun, die Jugendzeit, »sie kommt nicht mehr«, für uns. 

Aber seltsam, dass sich einer seine Jugend so lange schon bewahrt hat, Gott, der hinter uns herläuft und uns zu erreichen versucht, wie ein Verliebter, so unermüdlich… Und wenn Sie sich ihm wieder einmal zuwenden, und das Gespräch mit ihm suchen? Zumindest im Kopf ist der Weg in den Eifer unserer jungen Jahre gar nicht so weit. Sie werden sogar feststellen, dass seine »treue Hilfe« auch nicht weit ist. Die ist selbstverständlich und immer da. - »Isso!«, würden die Jungen sagen. 

(aus Psalm 69:)

2 Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.
3 Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.
4 Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott. Denn um deinetwillen trage ich Schmach, mein Angesicht ist voller Schande.
9 Ich bin fremd geworden meinen Brüdern und unbekannt den Kindern meiner Mutter;
10 denn der Eifer um dein Haus hat mich gefressen, und die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.
14 Ich aber bete, HERR, zu dir zur Zeit der Gnade; Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.


Donnerstag, den 02. April 2020

Von der (vorübergehenden) Sehnsucht nach Normalität

Normalität wird spätestens dann attraktiv, wenn wir sie eine Weile nicht mehr haben. Irgend wann wünschen wir sie uns zurück, vor allem, wenn es nicht geht, so wie jetzt. 

Keine Normalität haben wir auch beim Konfirmandenunterricht. Wir können nur noch Aufgaben verschicken und bekommen sie bearbeitet zurück, das persönliche Gespräch oder das in der Gruppe fällt weg, das ist schon sehr unbefriedigend, wenigstens für mich. 

Nun ging es in diesen Tagen bei uns auch um Römer 12 und der Aufstellung, wie sich Paulus ein christliches Leben vorstellt. Wenn Sie das mal lesen, werden Sie vielleicht denken: »Normal ist das nicht!« Eine Person aus unserer Gruppe hat zu einem Gedanken aus Römer 12,11 »Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn« (Römer 12,11) angemerkt: »An sich finde ich den Satz gut, mich stört aber »dient dem Herrn«, damit wird eher Druck ausgeübt und der Zwang, Gott zu dienen wird größer / groß.«

O je, denke ich mir, das ist ja schade, wenn das Christsein als Druck empfunden wird. So ist es doch nicht gemeint, oder? Aber unbequem ist es schon, Gott zu dienen. Für viele ist es so, dass da wirklich noch etwas dazukommt in ihrem Leben und sie denken, »Jetzt soll ich das auch noch machen!« Da gibt es schnell Widerstände, wenn scheinbar immer noch etwas dazukommt. Dann wird jeder beginnen, Abstriche zu machen und zu entscheiden, was ihm / ihr wichtiger ist, der Rest muss warten, der Glaube vielleicht auch. Heute ist es eher »unnormal«, dass der Glaube an Gott eine wichtige Rolle im Leben spielt und nicht nur dann vorkommt, wenn sonst gar nichts mehr ist. 

Und was macht man da so, wenn wir Gott dienen? Paulus meint z.B.: »Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden«. Hm, geht gerade nur per Telefon oder auf Distanz, da ist es eher nutzlos. »Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.« Ja, das geht, auch jetzt. »Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann«, das geht auch. »Übt Gastfreundschaft.« Geht gerade nicht. O, es sind wirklich keine einfachen Zeiten. Was ist da noch normal? Gut, versuchen wir es einfach mal mit dem, was geht, das Andere darf erst mal warten. Das sehe ich ein. Ist ja nicht für immer. Und der Druck? Vielleicht könnte man es so anfange, dass wir mit dem anfangen, was »von innen« kommt, ganz freiwillig, weil mir Gott und andere Menschen wichtig sind. Und dann sehen wir, wie sich das entwickelt, ob es uns nicht einfach gut tut, Gott zu dienen in dem, was wir tun. Aber eins ist sicher: Normal ist das nicht.


Mittwoch, 01. April 2020

Was vom Vater erwartet wird

Viele hätten ihm das nicht zugetraut, haben über ihn gelästert, als er Pateivorsitzender und dann Ministerpräsident in Bayern wurde. Jetzt, in der Corona-Krise, wird seine Handeln bewundert. Endlich einer, der weiss, was er tut. Lassen wir es dahingestellt, ob der Markus Söder ausser »bayerischer Landesvater« auch noch der neue »Bundesvater« werden sollte. 

Tatsächlich scharen sich Menschen in unsicheren Zeiten gerne um den Mann oder die Frau, und wollen sich sagen lassen, wo es lang geht und was jetzt richtig ist. Das entlastet. 

In der Kirche ist das nicht viel anders. Man sucht dort vielleicht nicht gleich Gott, den »Vater«, sondern hält sich gerne an das »Bodenpersonal«. Bei den röm.-kath. Geschwistern ist das natürlich Francesco. Und bei uns? Ach, da haben wir ja gar niemand, werden manche sagen. Selber schuld, werden auch welche sagen. 

Gemach, wir haben keinen Francesco, aber wir haben dafür einen, der zu einem »evangelischen Heiligen« geworden ist. Wir haben Dietrich Bonhoeffer, bei vielen beliebt, seltsamerweise: Von fromm bis liberal, von fortschrittlich bis konservativ. Fast alle finden bei ihm »ihr« Zitat. Der Arme, denke ich mir. Hat er das verdient, dass jeder sich bei ihm bedient, um mit seiner Reputation als christlichem Märtyrer, die eigene Position unangreifbarer zu machen? Am 9. April vor 75 Jahren wurde Bonhoeffer ermordet, auf Befehl dessen, dem viele Deutsche als ihrer »Vater«figur gefolgt waren. 

In seiner Schrift »Nach 10 Jahren« schrieb Bonhoeffer:

»Ich glaube, daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.«
Damit war nicht »Corona« gemeint, aber Sie werden sich Ihre eigenen Gedanken dazu machen. 

»Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.« 

Bonhoeffer denkt wohl an Römer 8,28: »Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen…«. Nun, gut gesagt, aber nicht so ganz leicht auch getan. Probieren Sie es doch mal aus, was Ihnen aus Ihrem Leben dazu einfällt. 

»Ich glaube, daß Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus…«
Oha, Gottvertrauen, und das in Zeiten der Hamsterkäufer. Immerhin, hier ist nicht einfach die Rede vom die Hände in den Schoss legen, obwohl das auch mal dran sein kann, sondern die Rede ist von Widerstandskraft. Die haben wir oft eher nicht, jedenfalls dann, wenn es persönlich wird (siehe Hamsterkäufer). Die muss man sich schenken lassen. Aber im Ernst: Wollen Sie wirklich so weit gehen? Wenn ja, dann: Herzlichen Glückwunsch!

»Ich glaube, daß auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und daß es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten…«

Wie tröstlich. Wir dürfen Fehler machen und Irrtümern aufsitzen. Wir brauchen beim Spiel der politischen »Väter« (und »Mütter?«) und der Journalist*innen jeder Art nicht mitzumachen, wer zu früh, zu spät, zu streng, zu lasch gehandelt habe. Diese Sau treiben wir nicht durch Dorf und Stadt, sondern vertrauen darauf, was der Liedermacher Konstantin Wecker einmal so gedichtet hat: »Doch weil der Himmel gütig ist, kann einem selbst der grösste Mist, darf einem oft die grösste Pein im Nachhinein ganz nützlich sein.« Den richtigen »Vater« und die richtige »Mutter« muss man haben.


Dienstag, 31. März 2020

Ist  CORONA eine Strafe Gottes?

Klar, so eine Frage muss irgend wann kommen. Wenn ja, dann sollte man auf jeden Fall wissen, für was, sonst wäre eine Strafe auf jeden Fall völlig sinnlos. In der Bibel gibt es den Gedanken öfters. König David wir für seine Eitelkeit bestraft, das Volk, das nichts dafür kann, gleich mit. Im Neuen Testament wird ein heuchlerisches Ehepaar bestraft usw., aber wer sagt uns, dass das Strafen Gottes sind? Ich könnte das nicht. Wenn überhaupt, denke ich, kann man von Strafen Gottes nur persönlich reden, weil man etwas für sich so empfindet. Aber sonst?

Nun kam aber ein schweizer Arzt (siehe Eintrag vom 24.3.) kürzlich mit dem Gedanken um die Ecke, die »Evolution« könnte uns das Corona-Virus geschickt haben, um wieder etwas »in Ordnung« zu bringen. Erstaunlich. Die »Evolution« will uns noch eine Chance geben. Damit es nicht so kommt: Treffen sich zwei Planeten. Der eine: »Du siehst furchtbar aus«. Der andere: »Ach, ich habe die Menschen«. Darauf der erste: »Ja, das ist übel, aber sei froh, das geht vorbei…« Der Mensch, eine Virus, das dann irgendwann vom Immunsystem abgetötet wird? Leider verhalten wir uns öfters genau wie ein Virus: Wir beuten den Wirt aus, bis er nichts mehr hergibt.

Trotzdem, ich denke nicht, dass jemand von uns die Kompetenz und die Autorität hat, etwas als die Strafe Gottes zu bezeichnen, auch nicht das Corona-Virus. Zumal, wenn es andere betrifft. Aber ob uns das Virus auf Fehlentwicklungen aufmerksam machen könnte? Das wäre nicht der verkehrteste Gedanke. Doch auch das müssen wir selber deuten. Mir persönlich fiele da einiges ein, wo ich den Eindruck habe, dass wir so nicht weiter machen können, allen voran, dass unsere Staaten nur funktionieren, wenn es ständiges Wirtschaftswachstum und mehr Konsum gibt. Denn das würde für alle bald 8 Milliarden Menschen niemals gehen, so viele Ressourcen hat dieser Planet nicht.

Es ist schon erstaunlich, wie ein Virus unser ganzes System ins Wanken bringt. Ich persönlich möchte nicht von einer Strafe Gottes reden, aber ein: »Halt, denk mal nach, bevor es zu spät ist!«, das könnte Corona schon sein. Dann wäre es keine Strafe, sonder eine Chance, freilich nur für die Überlebenden. Das wäre das Zynische an dieser Überlegung. Andererseits haben wir das öfters, dass einige die Suppe einbrocken und die Mehrheit muss sie (mit) auslöffeln. Wir Menschen leben nun einmal in einer Verantwortungsgemeinschaft. 

Also, Corona eine Strafe Gottes? Ich könnte das nicht sagen. Eine Warnung, eine Mahnung? Wenn wir uns das wirklich zu Herzen nähmen, dann wäre es sicher nicht verkehrt. Da spielt es auch keine Rolle, ob jemand denkt, das schickt uns Gott oder »die Evolution«. Hauptsache erst einmal, wir ändern etwas, und zwar so, dass alle etwas zum Leben haben.


Montag, 30. März 2020

Vergesst es nicht!

Ein Gastbeitrag von Schuldekan Dirk Boch, Staufen

Einmal wird diese Corona-Krise vorbei sein...

Vergesst dann nicht 

  • wie lange wir uns "getröstet" haben: "das ist weit weg von uns und kann uns nicht treffen..."
  • wie fern uns anfangs Italien schien - "wir sind vorbereitet - bei uns wird es nicht so schlimm"
  • wie sehr uns der Ausschluss von Fans bei Fußballspielen und später die Spielabsagen getroffen haben - als ob das die wichtigsten Probleme wären
  • wie sehr wir uns nun sorgen, dass selbst die drastischen Maßnahmen nicht helfen werden 

Vergesst das nicht, wenn die Krise vorüber ist...

... denn die große Krise - die unseres Klimas - geht nicht vorüber,

  • wenn wir die fernen Vorboten übersehen
  • wenn wir erst handeln, wenn wir die verheerenden Folgen am Leibe spüren

Denn dann ist es unumkehrbar zu spät - für uns alle und unsere Kinder & Enkel...

Darum erinnern wir uns, wenn die Krise vorüber ist

  • an die Solidarität und Menschlichkeit, die an so vielen Orten aufbricht und lebt! Danke!
  • an die Möglichkeiten moderner Technik für Kommunikation und Begegnung ohne Auto- oder Flugreisen
  • an die Bedeutung so vieler Berufe, die unter uns und von uns gering geachtet und bezahlt werden

Ja, wir werden Fluggesellschaften retten - auch wenn wir sie hoffentlich nicht mehr so dringend brauchen werden. 

Und vielleicht machen wir ja noch ganz andere Entdeckungen, die es zu erinnern gilt.

Bis dahin: lasst uns zusammenhalten - auch wenn wir uns nur auf Distanz begegnen. 

Gott segne euch - sein Segen überwindet Distanz!

Er trägt durch Krisen. Vergesst es nicht!

Dirk Boch

Sonntag, 29. März 2020 (»Judica«) 

Judica 2020.pdf (440.34KB)
Judica 2020.pdf (440.34KB)




Samstag, 28. März 2020

Gottvertrauen - ein tröstlicher Gastbeitrag von Diakonin Rebekka Tetzlaff

Im Religionsunterricht habe ich kürzlich die Geschichte von Punchinello vorgelesen. Einer Holzpuppe, die im Holzpuppenland lauter graue Klebe-Punkte bekommt, weil sie immer doofe Sachen macht und die anderen sie deshalb blöd finden. Er würde gerne gelbe Klebe-Sterne bekommen aber die sind nur für gute Holzpuppen. Eigentlich eine traurige Geschichte, bis Punchinello das Holzmädchen Lucia trifft. Lucia hat keine Punkte. Und keine Sterne. Die Aufkleber haften einfach nicht an ihr. Punchinello möchte wissen wie das geht und so schickt sie ihn zu dem Holzschnitzer Eli, der in seiner Werkstatt auf dem Berg lebt. Dieser begrüßt Puncinello und freut sich über seinen Besuch, das hat die kleine Holzpuppe noch nie erlebt. Aber Eli sagt: Natürlich freue ich mich dich zu sehen! Ich habe dich gemacht und ich mache keine Fehler.

Da meldet sich ganz unaufgefordert eine Erstklässlerin und sagt: »Das ist wie bei mir. Ich mach auch manchmal was falsch, dann sagen die anderen, dass das doof war und sie loben mich, wenn ich was schaffe aber Gott liebt mich immer.«

Mein Ziel für diese unbeständige Zeit? So ein unerschütterliches Gottvertrauen, wie dieses Mädchen.


Freitag, den 27. März 2020

Schon alles bedacht? 

Es ist ein gewaltiges Durcheinander. Kleine Betriebe werden sich nur langsam erholen. Gastronomie und das Hotelgewerbe in manchen Fällen vielleicht gar nicht. Der Gesundheitsminister orakelt schon den zweiten Tag, dies sei nur die Ruhe vor dem Sturm. 

Und wie wird es mit den Kirchen weitergehen? Ich mache mal das, was an der Börse so viel Geld bringen kann: Ich spekuliere mit etwas, das ich gar nicht habe. Dort sind das Aktien und bei mir ist es das Wissen, was kommt. Ich wette darauf, dass die Kirchen sich nicht wieder füllen werden. Mal sehen, wie es ausgeht. 

»Nur« wegen Corona sollten sich die Kirchen auch nicht füllen. Dann wäre Angst unser Geschäftsmodell. Und Angst ist, wie man an der Börse sagt, ein sehr volatiles (=flüchtiges) Geschäft. Wir als Kirche sollten nicht mit der Angst der Menschen handeln. Denn Angst haben Menschen schon genug. Manche sogar davor, krank zu werden. Einige, die sonst zuverlässig die Arztpraxen füllen, trauen sich das gar nicht mehr. 

Auch die Verschwörungstheorien haben Konjunktur. »Da wollen welche unsere Wirtschaft kaputt machen!«, heisst es. Manche verdienen richtig gut Geld mit der Krise. Nicht nur die Atemmaskenhändler und -schieber. Auch die Hegdefonds sind wieder da. Schlanke 2,6 Milliarden Dollar will da einer mit seiner Wette auf fallende Börsenkurse verdient haben. Ich mag so was gar nicht kommentieren, auch nicht die Tatsache, dass das immer noch erlaubt ist. 

Da fällt mir der gute William Butler Yeates ein. Manchmal scheint er ganz gut den Untergangsprofeten zu geben. In seinem Gedicht »Das zweite Kommen« heisst es unter anderem: 

Drehend und drehend in immer weiteren Kreisen

Hört der Falke seinen Falkner nicht; 

Alles zerfällt, die Mitte hält nicht mehr;
Und losgelassen nackte Anarchie,
Und losgelassen blutgetrübte Flut, und überall
ertränkt das strenge Spiel der Unschuld;
Die Besten haben keine Meinung mehr, die Schlimmsten
Sind von Kraft der Leidenschaft erfüllt.

Da kann es einen gruseln. Im Wochenlied für die kommende Woche finden sich passende Worte:
Denn die Erde jagt uns (!) auf den Abgrund zu. Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du? Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus (!) den Toten, lass uns auferstehn (Evang. Gesangbuch 97,5).

Wieso eigentlich »aus«? Und ob am Ende jeder Spekulant doch bekommt, was er (sie?) verdient? Immerhin gibt es nach Robert Musil »Spekulationen … à la baisse und à la hausse« (Mann ohne Eigenschaften, 1. Buch). 


Donnerstag, den 26. März 2020

Der Wochenpsalm ab dem kommenden Sonntag:

Schaffe mir Recht, Gott / und führe meine Sache wider das treulose Volk… (Psalm 43,1)

Das musst du tun, Gott, denn sonst bin ich es, der richtet. Wie soll ich mich denn sonst gegen die anderen wehren? Wenn ich den Eindruck habe, ich kann mich nicht mehr durchsetzen, dann kann ich auch austeilen. Dann breche ich den Stab über den anderen. Über die, die noch immer wie die Bescheuerten Klopapier horten. Schwachmaten. Wollen die sich denn jeden Tag drin einwickeln? Als Virenschutz? Schade, das Klopapier nicht schimmelt. Das hätten sie dann davon. Oder sie sollen den Büchsenöffner nicht finden, wenn sie die gehorteten Dosen mit Pichelsteiner öffnen wollen. Und backen sollen sie auch nicht können, weil die gehamsterte Hefe längst vertrocknet ist … Ja, da kann ich mich richtig reinsteigern, so ganz ohne das professionelle Verständnis der Psychologen endlich mal austeilen. Lassen wir es lieber. 

Ich will nicht richten und über anderen den Stab brechen. Schaffe du mir Recht, Gott, richte du mich. Bevor ich zu Furie werde. Ja, so ist es wohl, in den Krisen zeigt sich ganz offen, wer wir sind. Oder: Jeder entstellt sich bis zu Kenntlichkeit. 

Da bleibt mir nur noch: Gott bewahre - mich und die anderen vor mir. Damit sie nicht wegen mir die Security rufen müssen, wenn nur 20 in den Laden dürfen und ich bin - verflixt noch mal - der 21. 

Sende dein Licht und deine Wahrheit 

O ja - ich mach mal den Krisenratschlagsonkel. Wer sich gar nicht mehr zu helfen weiss, der schaue bei youtube nach oder besser noch, kaufe sich die CD mit Mendesssohns Vertonung des Psalm 43. Ja, ich weiss, die Musik klingt überhaupt nicht nach Schlager, Hip Hop oder Hard Rock. Aber vielleicht lässt mich die Krise auch mal etwas ertragen, das »gar nicht meins ist«. Da könnte nicht nur dem gepflegten evangelischen Bildungsbürger ein Licht aufgehen, bei dieser Musik. Was Sie also tun könnten, in dieser tatsächlichen und in der medial befeuerten Krise: 

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott…

Oder, wieder für die digital natives: 

Warum bist du so aufgewühlt? Halte doch Ausschau nach Gott!


Mittwoch, den 25. März 2020

Schmerz

Warum syt dir so truurig?

Warum seid ihr so traurig?

Nei, dir wüsset ke Grund

Nein, ihr habt keinen Grund dazu.

Vilicht, wenn der e Grund hättet

Vielleicht, wenn ihr einen Grund hättet, 

Wäret der weniger truurig

wärt ihr weniger traurig.

Mänge, wenn ds Läben ihm wehtuet

Mancher, wenn ihm das Leben weh tut, 

Bsinnt sech derdür wider dra.

erinnert sich so wieder daran. 


Tatsächlich wendet sich das Lied Manni Matters an Menschen in einem gewissen Wohlstand, also an uns, wir werden gefragt, ob wir noch merken, wie wir aussehen: traurig, obwohl wir genug haben. Jetzt aber haben wir einen Grund, traurig zu sein: Manche, weil sie wirklich erkrankt sind, andere, weil sie Angst davor haben, viel zu viele, weil sie zu ersten Mal so etwas wie Existenzangst haben, oft wirklich berechtigt. 

Jetzt tut uns das Leben weh, auch wenn wir einen Vergleich mit denen in den Lagern nicht ziehen wollen, hoffentlich. Es ist ein unbekanntes Gefühl, vielleicht sogar wirklich das Ende eines in der Summe sorgenfreien Zeitalters.  

Also was? Besinnen wir uns? Da müsste man erst mal etwas haben, auf das wir uns besinnen könnten. Etwas, das wir vor jahren abgetan haben als überholt, lächerlich, aufgezwungen. Viele werden suchen und feststellen, dass sie da gar nichts haben. Das merkt man an ihrem Verhalten. Bis gestern hat das IOC gebraucht, um die Olympiade zu verschieben. Eine Schande? Ach, ich weiss nicht so recht, es ging ja ums Geld, um viel Geld sogar. Warum sollte ausgerechnet das IOC es nicht mit einem der gewieftesten pseudoreligiösen Kapitalisten halten (in den USA ist seine Organisation sogar eine »Kirche«) und seinen Satz: »Make money, make money, make more money.« Wir sind doch alle nur Kinder unserer Zeit?!

Also was? Nehmen wir uns einen Tag Zeit um dem nachzutrauern, was wir vielleicht nie hatten? Nehmen wir uns etwas Zeit um zu überlegen, auf was wir nachhaltig reagieren? Auf Freude? Auf Lust? Auf Schmerz? Hoffentlich sind wir doch nicht ganz die, die alles auf das so tragfähige Fundament des Sandes gebaut haben. Sand ist fast so tragfähig wie Fels, solange kein Wasser im Spiel ist. 

»Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stiessen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war gross« (Mt. 7,27). Ist das nun ein religiöses Problem und darum für viele vernachlässigbar, oder ist es doch ein statisches?


Dienstag, den 24. März 2020

Die Natur, die Evolution und das genius epidemicus 

»… andererseits weiss man nicht, warum die Natur, die Evolution, immer wieder ein genius epidemicus schickt, um etwas in Ordnung zu bringen in der Biologie der Menschen und der Tiere … warum und woher weiss niemand, aber da gibt es irgend einen genius, den wir noch nicht verstehen, der die Menschheit korrigieren will. 

Dr. med. Andres Bircher, CH 

Klingt irgendwie danach, als ob da ein verzweifelter Kirchenmensch darauf hofft, die Korona-Epidemie möge seine und alle anderen Kirchen wieder füllen. Gemach, hier spricht ein Arzt aus der Schweiz, kein Pfarrer, und er nennt als Ursache die »Natur« und »die Evolution«. Das hat mich überrascht. Anscheinend vermutet er in der Evolution irgendwelche ordnenden Kräfte. Gut, das war von Anfang an so, Darwin nannte das ordnende Prinzip »survival of the fittest« , also die Lebensform, die sich am besten anpassen kann, wird überleben. 

Und nun? Müssen wir uns an diese und vielleicht noch kommende Epidemien anpassen, um zu überleben? Und was muss angepasst werden? Bircher meint, als die Promiskuität überhand nahm, sei z.B. Das AIDS-Virus gekommen, um (was?) zu reparieren? Geht es mit Korona nun gegen unsere grosse Reiselust und auch gegen die Globalisierung? Er lässt das offen und ich weiss das auch nicht. 

Ich weiss nur, wenn das einer von der Kirche gesagt hätte, wäre der Aufschrei gross und was man sich dabei denke? 

Ich will nicht über Strafen Gottes spekulieren, der Gedanke wurde schon zu oft missbraucht, ich kann auch nichts zu inneren Prinzipien der Evolution sagen. 

Vielleicht machen Sie sich Ihre eigenen Gedanken. Vielleicht bleiben Sie auch ein wenig in der Nachdenklichkeit. Denn es gibt einen nachdenklichen Satz Jesu, der mir nicht aus dem Kopf will (Sie entschuldigen, ich kann mir die altertümlichen Konjunktive einfach nicht verkneifen): Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme an seiner Seele Schaden? (Markus 8,36)

Geht auch auf »Altenglisch«: For what doth it profit a man, to gain the whole world, and forfeit his life?

Oder noch mal modern, für die digital natives: Was nützt es dem Menschen, wenn er alles gewinnt, was diese Welt zu bieten hat, dabei aber seelisch zu Grunde geht (nach Fred Ritzhaupt). 

Die Presse meldet indes, dass Händler für Atemschutzmasken u.a. den 5 - 10 fachen Preis verlangen. Hedgefonds Manager wetten (Aktioneleerverkäufe) mit Milliarden Dollar auf fallende Börsenkurse und Firmenpleiten durch die Koronakrise.


Montag, 23. März 2020

Da waren’s nur noch zwei

Das ist nicht die Apokalypse, sagte irgend ein Virologe in einem Interview. Aber ein wenig so fühlen wird man sich ja wohl dürfen? Und ein wenig so verhalten auch?, werden manche fragen. Und wieder andere denken, sie kommt vielleicht doch, die Apokalypse, wenn wir schon nur noch zu zweit hinausdürfen, muss es ernst sein, sehr ernst. Aber wenn sie doch kommt, dann muss ich ja nicht mehr vernünftig sein, oder?

Wie sagte doch der Bub zum »Aetti«, in Hebels Gedicht »Die Vergänglichkeit«?
Fast allmol, Aetti, wenn mer’s Röttler SChloß 
so for Auge stoht, se denk i dra, 
öbs üsem Hus echt au emol so goht. 
Stohts denn nit dört, so schudrig, wie der Tod
im Basler Todtetanz? Es gruset mer, 
wie länger aßi’s bschau.

Darauf der Aetti:
Du gute Burst, ’s cha frili sy, was meinsch?
’s chunnt alles iung und neu, und alles schlicht
im Alter zu, und alles nimmt en End,
und nüt stoht still…

Er weiss ja: »…und woni gang, … i gang im Chilchhof zu…«
Das wissen wir auch, wollen’s freilich nicht immer wissen. Aber wenn das gewohnte Leben aus dem Vollen gestört, empfindlich gestört wird? Dann verfallen die einen in Panik, wer will es ihnen verdenken, die anderen erst recht in Unvernunft, nur, was mache ich?
Sollen wir noch mal Hebel hören? In seinem Gedicht »der Käfer« schreibt er:
Druf fliegt er zu si’m Schätzli heim, 
’s wohnt in der nöchste Haselhurst.
Es balgt (macht ihm Vorwürfe) und seit: »Wo blibsch so lang?«
Er seit: »Was chani für mi Durst?«

Iez stoht er uf, er nimmts in Arm, 
er chüßts, un isch bym Schätzli froh. 
Druf leit er si in Todtebett;
und seit zum Schätzli: »Chumm bal no!«


Viel dichter kann man das Leben kaum beschreiben. Jetzt kann man’s auch verstehen, wo unser Leben seltsam langsam und doch dicht wird. Es bleibt, eins nach dem andern zu leben, in »Mäßigkeit mit stillem Sinn in Pflicht und Recht«, meint Hebel im »Wegweiser«. Ob er recht hat?

Sonntag, den 22. März 2020

Predigt zum Sonntag Laetare - 3. Teil der Predigtreihe »Das soll ich glauben?« 

Predigt der Teile des Glaubensbekenntnisses und auch seiner »Lücken«





Samstag, 21. März 2020: We didn’t start the fire 

»Schools close, Tom Hanks, trouble in the big banks, no vaccine, quarantine, no more toilet paper seen. Travel ban, Weinstein, panic COVID-19, NBA, gone away, what else do I have to say.«

We didn’t start the fire... (Wir haben das Feuer nicht entfacht). Über 30 Jahre ist das Lied Billy Joels alt. Ein subjektiver Rückblick auf die ersten 40 Jahre seines Lebens, entstanden in Auseinandersetzung mit einem 20 jährigen, der meinte, er lebe wirklich in schlimmen Zeiten, und als Joel so alt gewesen wäre wie er, sei doch nichts Vergleichbares los gewesen, schon gar nichts Schlimmes. 

Jetzt hat jemand eine neue Strofe gedichtet, das Leben in den Zeiten des Corona-Virus, man versteht es auch mit wenig Englischkenntnissen. 

Eine Strofe Joels hört mit der Frage auf: »Was müsste ich sonst noch sagen?« Eine gute Frage, denke ich mir. Sie gilt für jeden. Was hast du noch zu sagen? Was da wohl käme? 

  • Interessiert mich nicht! 
  • Was geht‘s mich an? 
  • Ich mache, was ich will und lasse mir nichts vorschreiben! 
  • Ich habe Angst! 
  • Wir brauchen Vorräte! 
  • Ich will vernünftig sein und mich an die Vorschriften halten! 
  • Mir gehts‘ noch gut. 

»Wir haben das Feuer nicht entfacht!« Denn das waren die ... (setzen hier die Namen Ihrer persönlichen Verschwörungstheorie ein: Chinesen, Amerikaner, Deutsche, die…) 

Wenn irgendwann das Gehirn wieder funktioniert, dann könnten wir als Kirche vielleicht auch was sagen, das über Sätze wie »Kirche begleitet« und »Ganz nah bei den Menschen« hinausgeht. Oder, besser noch, wir lassen es uns sagen: »Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.«:

  • Weil ihr nicht mehr aus dem Haus sollt, 
  • weil ihr euch nicht mehr mit jemanden treffen sollt, 
  • weil ihr davon gar nichts hören wollt, was aber unmöglich ist,
  • weil ihr das alles nicht versteht, 
  • weil ihr nur leben wollt, aber es nicht mehr könnt, wie gewohnt, 
  • weil ihr Verantwortung tragt, die immer schwerer wird, 
  • weil euch die besserwissenden Frager nerven, 
  • oder die, die sich unvernünftig benehmen…

Und dann sagt einer: »Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid… 

Wie? Hat der gar keine Ahnung?
Und er: »Komm«, sagt er, »erzähl’s mir.«


Freitag, 20. März 2020

»Korn das in die Erde, in den Tode versinkt…« 
Das Wochenlied (Gesangbuch Nr. 98)

»Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün« heisst es in Jürgen Henky’s Nachdichtung des englischen Liedes »Now the green blade rises«.
Was das Besondere am wachsenden Weizen ist, wissen Menschen schon lange (ausser denen, die glauben, das Mehl wächst im Supermarktlager). Der gute, alte Paul Gerhard (gest. 1776) hat das beschrieben: »Der Weizen wächset mit Gewalt…« (Gesangbuch Nr. 503,7).
Auch die Nicht-Landwirt*Innen können das nachvollziehen, indem sie z.B. Spriessweizen in einer Schale nachziehen. Man kann fast beim Wachsen zusehen, so schnell geht das.

Zur Zeit wächst aber etwas ganz anderes: Angst, Sorgen und Misstrauen. Es wächst die Wut, dass man nicht als erster und sofort getestet wird. Ob auch die Unvernunft wächst, weiss ich nicht, vielleicht ist sie nur so gross wie immer, also werden sogenannte Corona- und andere Parties gefeiert. Sollte man da nicht Mitleid haben? Was sollen die Leute denn mit ihrer Freizeit sonst machen? Etwa die Grünschnittsammelstellen überlasten, wie dieser Tage auch schon geschehen? Ein Psychologe im Fernsehen kann es erklären: Die Menschen könnten ihr Verhalten nicht einfach innerhalb von 14 Tagen umstellen. Aha.
Ebenfalls wachsen, parallel dazu, die Verbote, die uns schützen sollen. Richtig, wir können ja nicht einfach innerhalb von 14 Tagen…

»Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün« - das erinnert mich daran, dass wir das nicht machen können. Wir können düngen und giessen, aber nicht nicht dem Korn befehlen: »Wachse! Wachs’ schneller!« Was wir können ist, aussäen. Liebe wächst wie Weizen? Also säen wir sie aus. Schaffen, wo möglich, Bedingungen, in denen sie wachsen kann. Wir wir das machen sollen? Aber das wissen wir doch.
Wachsen lässt’s ein anderer. Unser Dichter Jürgen Henkys benutzt ein Bild, um die Antwort zu geben: »Hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien, Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.« Wie bitte? Dritter Tag? Was soll die kryptische Sprache? Aber da war doch mal was: Jesus, Hinrichtung, Auferstehung.




Donnerstag, 19. März 2020

Der »Wochenspsalm« ( = Psalm 85)

Was hat das alte Zeug aus der Bibel mit mir zu tun? Das ist doch eine längst vergangene Welt… so denken viele. Und nun können wir unserer Kirche nicht mehr wie gedacht nutzen, das ist eine einschneidende Erfahrung (auch wenn das nur eine geringe Zahl wirklich tut). Lesen Sie vor dem Hintergrund der Schutzmassnahmen (und derer, die vielleicht noch kommen!) diesen Psalm. Plötzlich holen uns die alten Worte ein, wie in Vers 6, »Sie gehen schon in Gedanken auf Pilgerreise zu deinem Haus«. Das ist das, was uns im Augenblick noch bleibt. Keine alte Vergangenheit mehr, sondern neue Wirklichkeit.

Nun heisst es wieder oft, dass die Welt »nach Corona« nicht mehr sein wird, wie vorher. Ich habe da meine Zweifel, denn das menschliche Gedächtnis ist kurz (manchmal ist das auch ganz hilfreich). Bei all den Veränderungen ist es indes tröstlich, dass Gott für uns ein »offenes Ohr« hat. Und wir beten so lange nicht mehr für den König, sondern für die Kanzlerin und für unseren »Kretsche«. Gott möge ihnen freundlich begegnen.


2 Wie lieb sind mir deine Wohnungen, du Herr der himmlischen Heere.

3 Ich war voller Sehnsucht,ein einziger Wunsch brannte in meiner Seele:
Ich möchte so gerne beim Herrn sein – in den Höfen, die seinen Tempel umgeben.
Festfreude erwärmt mir Herz und Leib. Ich bringe sie vor den lebendigen Gott.
4 Auch der Sperling hat ein Zuhause gefunden, und die Schwalbe fand ein geeignetes Nest.
Dort hat sie ihre Jungen sicher untergebracht.
Solchen Schutz bieten auch deine Altäre, du Herr der himmlischen Heere,
mein König und mein Gott.
5 Glücklich ist, wer in deinem Haus wohnt. Dafür sollen sie dich immerzu loben!
6 Wie glücklich sind die Menschen, die einen sicheren Platz bei dir finden.
Sie gehen schon in Gedankenauf Pilgerreise zu deinem Haus.
7 Und müssen sie durch ein dürres Tal, stellen sie sich eine Quelle vor Augen.
Segensreich füllt Frühregen den Teich.
8 
So wandern sie dahin mit wachsender Kraft, bis ihnen Gott auf dem Zion erscheint.

9 Du Herr, Gott der himmlischen Heere:Höre doch meine sehnsuchtsvolle Bitte!
Hab ein offenes Ohr, Gott Jakobs! 
10 Bewahre den König, Gott, er ist unser Schild! Begegne ihm freundlich, du hast ihn gesalbt!
11 »Einen Tag in deinen Höfen zu verbringen, ist besser als tausend Tage nach meiner Wahl.«
»Im Haus meines Gottes auf der Schwelle zu stehen, ist besser als im Zelt der Bosheit zu sitzen.«…


Mittwoch, 18. März 2020

Der kommende Sonntag trägt den Namen »Laetare«, er nimmt einen Satz des dritten Jesaja auf (Kapitel 66,10):

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

So einen Satz kann man sich auch ausleihen und auf das eigene Leben anwenden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass uns diese Zeiten verunsichern, keiner weiss, was noch kommt, ob er oder sie sich anstecken und dann wieder gesund werden wird. Viele nützen das auch aus und setzen jeden Blödsinn ins Internet, der z.T. sogar gefährlich ist. Lassen Sie sich am besten gar nicht auf so etwas ein. 

Halten Sie sich lieber erst einmal an das, was Sie wissen: Dass es an dem Ort, an dem Sie leben, Menschen gibt, mit denen Sie sich verstehen und die des gut mit Ihnen meinen. Das wäre z.B. ein Grund zur Freude, auch in unsicheren Zeiten. Der dritte Jesaja hat dafür ein sehr deutliches Bild, das manchen vielleicht auch ein wenig peinlich sein dürfte: Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

Ja, so deutlich sagt er es wirklich und spricht damit ganz alte, oft nur noch unbewusste Erfahrungen in uns an. Manchmal sind wir auch als Erwachsene wieder wie Kinder, vielleicht auch so ratlos und erwartungsvoll, dass jemand es für uns richtet. Das will Gott sogar tun, nur halt anders, als viele es denken. Es ist kein »rundum-sorglos-Paket«, sondern das Angebot, uns zu dabei zu helfen, unseren Platz im Leben auszufüllen. Welcher das ist? Nun, das wäre vielleicht der erste Anlass, um ein wenig über unser Leben nachzudenken.